Das Auge des Arbeitgebers überwachte Eisenbahner sogar zu Hause. Krankgemeldeten wurde in Hausbesuchen auf den Zahl gefühlt.

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Die ÖBB hat nicht nur Krankendaten ihrer Beschäftigten systematisch erfasst und gespeichert, sondern ging gegen Mitarbeiter im Krankenstand auch mit harten Bandagen vor. Der Druck ging bis zum Arbeitsplatzverlust.

Wien – Schulabgänger, die sich dieser Tage bei der ÖBB für eine der 97 Lehrstellen bewerben, sollten eines beherzigen: Ist ein Lehrling in drei Jahren Lehrzeit mehr als zwei Wochen am Stück krank, gehen seine Chancen, danach in ein unbefristetes Dienstverhältnis übernommen zu werden, gegen Null. "Laut internen Vorgaben ist die Krankenstandshäufigkeit ein K.-O.-Kriterium bei der Beurteilung von Mitarbeitern", sagt ein mit der Materie vertrauter Eisenbahner.

In diesem Sinne ging die ÖBB im Kampf gegen ausufernde Krankenstandstage ihrer Mitarbeiter nicht zimperlich vor. Das belegen die von der ÖBB-Dienstleistungsgesellschaft (DLG), also dem Personalamt der mittlerweile auf 42.000 Beschäftigte geschrumpften Eisenbahn, allen 16 Konzerngesellschaften zur Anwendung verordneten Regeln des sogenannten Workforce-Managements.

Demnach standen Maßnahmen wie "Kontrollen während des Krankenstands" und "Abbau von MitarbeiterInnen mit überdurchschnittlich vielen Krankenstandstagen" auf der Tagesordnung. Führte das nicht zum Ziel, empfahlen interne Managementanweisungen "Gruppendruck" oder, das "Krankenstandsverhalten bei der Ausschüttung von Topfprämien zu berücksichtigen".

Personalakten

Außerdem wurden die in sogenannten Krankenstandsrückkehrgesprächen erforschte Krankheitsursachen zumindest im Verschub (ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG, wurde bis 2007 von ÖBB-Holding-General Peter Klugar geleitet, Anm.) und in der ÖBB-Traktion in Personalakten gespeichert. "Aber nicht systematisch oder gar elektronisch im SAP-System", betonte ein ÖBB-Sprecher, der aber einräumte, dass in Einzelfällen illegal vorgegangen worden sei. Ein vom neuen ÖBB-Personalchef Emmerich Bachmayer geleitetes Kontrollgremium "wird das jetzt abstellen, die Daten werden für immer gelöscht" . Die Kontrolle hat der mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern besetzte Datenschutzrat.

Was die DLG unter ihrem Geschäftsführer Franz Nigl offenbar nicht bedachte: Das Kontrollieren von Mitarbeitern mittels Hausbesuchen während des Krankenstands durch den Arbeitgeber ist nicht legal. "Ein Arbeitgeber, der Verdacht hat, dass ein Mitarbeiter Krankheit nur vorschützt, hat die Möglichkeit, dies über Krankenkassa und Chefarzt überprüfen zu lassen" , stellt Peter Jabornegg, Vorstand des Instituts für Arbeits- und Sozialrecht der Uni Linz, klar.

"Alles, was mit Diagnose und Krankenakt zu tun hat, ist für den Arbeitgeber Tabu", betont der Rechtsexperte." Recherchen seien nur dann möglich, wenn ein allgemeiner Entlassungsgrund vermutet werde, die Judikatur sei da sehr restriktiv, sagt Jabornegg.

In der ÖBB hält man die Kontrollbesuche dennoch für rechtens. Sie würden von Arbeitsmedizinern der Wellcon Gesellschaft für Prävention und Arbeitsmedizin GmbH im Auftrag der Versicherungsanstalt der Eisenbahner durchgeführt. Der Schönheitsfehler: Die ÖBB-Dienstleistungsgesellschaft ist an Wellcon mit 34 Prozent beteiligt und Obmann der Eisenbahnerversicherung ist ÖBB-Betriebsrat Gottfried Winkler. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.9.2009)