Herr Josef und Herr Alois kümmern sich mehr um den Ort als um das Land.

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In Oberösterreich ist man gerne ausgeglichen. Links über dem Stammtisch des „Gasthaus zur Haltestelle" im Mühlviertler Ort Lasberg hängt daher der Wimpel des Fußballklubs FC Stahl Linz unter Glas, rechts der schwarz-weiß-gestreifte des Lask. Für Wiener: Das ist, als würden Austria- und Rapidwimpel Seite an Seite existieren. Für Nicht-Fußballer: als würden Karl Marx und Ronald Reagan einträchtig herunterstarren.

Der Drang zum Ausgleich zeigt sich auch im Politischen. "Na, da herinnen wird eigentlich gar nicht politisiert." Sagt Herr Josef, der am Tresen vor seinem Bier sitzt. Eigentlich an seinem Tresen vor seinem Bier, da Herr Josef der Seniorwirt der Gaststätte ist. Ein vereinzelt in der Landschaft stehender Bau, mit Gästezimmern und einem rauchfreien Gastraum. Hinter dem Haus geht es zum Bahnhof, auf der Straße davor hält der Pendlerbus. "Linz. Voest. Chemie" steht auf dem Display, obwohl die Chemie Linz AG schon lange zerschlagen worden ist.

Im Gasthaus schlürft Herr Alois an seinem Verlängerten und erweitert die Aussage von Herrn Josef vorsichtig. "Na ja, das gibt es woanders schon manchmal, dass zwei Politisierte zusammenkommen, dass sich die dann aufwiegeln, aber da herinnen? Na."

Herr Josef, blau-weiß-kariertes Hemd, in der Mitte der Oberschenkel abgeschnittene Jeans, ist auch Obmann des Tourismusvereins von Lasberg. Und des Wandervereins. 47 Vereine gebe es in dem 2900-Einwohner-Markt, und in denen würden sich eigentlich alle vertragen. Zumindest was die Landespolitik angeht. Anders sieht die Sache schon auf lokaler Ebene aus.

Auf dem Kirchenplatz der Gemeinde, die 1974 zur schönsten Österreichs gewählt wurde, fällt ein Haus auf, dass offensichtlich ein Parteilokal ist. Nicht eines der den Ort mit knapp zwei Dritteln der Stimmen regierenden ÖVP. Sondern eines der Grünen.

Grüne und die Umfahrung

"Die gibt es nur wegen der Umfahrung", weiß Herr Josef. "Die kommen alle aus der Siedlung oben, weil sie Angst haben, dass es wegen der Umfahrung lauter wird." Zugezogene also, die in Neubauten wohnen. Den Lärmeinwand versteht er nicht. "Gerade für die wird es doch einfacher. Wenn sie einkaufen fahren oder ins Lagerhaus, müssen sie dann nicht mehr durch den Ort."

Am nächstgelegenen Tisch lacht eine deutsch-österreichische Wandergruppe laut über irgendeinen Scherz. Dem Tourismusobmann ist weniger zum Lachen zumute, wenn er an die Unruhe im Ort denkt. Er plant, eine Burg aus dem 11. Jahrhundert wieder aufzubauen, EU-Gelder würde es dafür geben. "Aber dann hat irgendwer eine Unterschriftenliste gemacht und behauptet, wir wollen da ein Hotel und eine breite asphaltierte Straße bauen." Jetzt habe er sein Projekt stoppen müssen. Bis nach der Gemeinderatswahl.

Herr Alois, Portier bei den Linzer Stadtwerken, hat auch seine Probleme mit Straßen, die kreidet er allerdings eher der Landespolitik an. Dass diverse Ortsumfahrungen sehr seltsame Trassenverläufe haben und man nicht genau wisse, wieso. Dass Abbiegespuren gebaut, wieder rückgebaut und durch einen Kreisverkehr ersetzt werden. Aber sonst? Der Wahlkampf in Oberösterreich? Viel fällt den beiden dazu nicht ein. Verbrechen? "Na ja, Einbrecher gibt es bei uns schon auch", sagt Herr Josef. "Ja, in Leonfelden drüben haben sie in ein Auto eingebrochen und Rennräder gestohlen", wirft Herr Alois ein. Die Gendarmerie, wie die Exekutive hier vier Jahre nach der Polizeireform noch immer genannt wird, sei aber tüchtig.

Einig sind sich die beiden, dass dem SPÖ-Spitzenkandidaten Erich Haider vor fünf Jahren die Debatte um die Privatisierung der Voest zu seinem Elf-Prozent-Zuwachs verholfen hat. "Aber es stimmen ja eh alle Parteien bei den Sachen immer gemeinsam ab", glaubt Herr Josef. Diesmal werde die wieder verlieren, die Leute würden misstrauisch. „Was man halt so hört", sagt Herr Josef und fährt mit der gewölbten Hand zum Ohr. "Aber politisiert wird hier eigentlich nicht." (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2009)