Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: der vom Rotfuchs verdrängte Polarfuchs.

Foto: Eric Post

Washington - Keiner Region setzt der Klimawandel stärker zu als der Arktis: In den vergangenen 150 Jahren stieg die Temperatur in der nördlichen Polarregion um etwa ein Grad Celsius. Bis Ende dieses Jahrhunderts prognostizieren Klimaforscher eine Zunahme um sechs Grad.

"Die Arktis, wie wir sie kennen, kann schon bald der Vergangenheit angehören", sagt der Biologe Eric Post von der US-amerikanischen Penn State Universität.Gemeinsam mit Kollegen hat er über mehrere Jahre die Tier- und Pflanzenwelt der Arktis beobachtet und dabei drastische Veränderungen beobachtet. "Auf der Erde, in der Luft, zu Wasser - egal wo wir hinschauen, sehen wir Zeichen schneller Veränderungen", sagt Post, dessen Studie heute in der US-Wissenschaftszeitschrift Science (Bd. 325, S. 1355) erscheint.

Die Folgen des Klimawandels beginnen beim Eis und Schnee: So ist die Mindest-Eisdecke auf dem Meer in den vergangenen 20 bis 30 Jahren um jährlich rund 45.000 Quadratkilometer zurückgegangen. Und auch auf dem Land schmilzt die Schneedecke dahin: Der Schneefall beginnt später im Jahr, während die Schneeschmelze viel früher einsetzt.

Unter diesen veränderten Bedingungen leiden besonders jene Tiere, die auf eine Eis- oder Schneedecke angewiesen sind - sei es nun zur Fortpflanzung, zur Futtersuche oder zum Schutz vor Feinden. Post erläutert dies am Beispiel der Ringelrobben: Diese bringen ihren Nachwuchs in Höhlen oder Spalten unter Schneeverwehungen zur Welt. Stürzen diese Hohlräume schon im Frühjahr bei starken Regenfällen ein, so sind die Jungtiere schutzlos sowohl der Kälte als auch Raubtieren ausgesetzt.

Dezimiert sind der Studie zufolge auch bereits die Bestände von Eisbär, Mützenrobbe, Pazifischem Walross, Narwal und Elfenbeinmöwe. Polarfüchse wiederum werden von Rotfüchsen verdrängt, die sich angesichts der wärmeren Temperaturen auch in nördlichen Gefilden zunehmend heimisch fühlen.

Ebenfalls nordwärts dringen auch Bäume und Sträucher vor. Ihnen folgen Moschusochsen und Rentiere, die mit ihrer Lebensweise und ihren Dung wiederum die Bedingungen für das Wachstum von Gräsern verbessern. Dies lockt seinerseits Gänse an, welche das ökologische Gleichgewicht der Seen verändern.

Bei Rentieren zeigen sich freilich ganz unterschiedliche Reaktionen: Während ihre Zahl auf den norwegischen Svalbard-Inseln ansteigt, leiden sie auf Grönland unter dem Klimawandel. Dort können die Tiere ihr Fortpflanzungsschema offenbar nicht an die veränderten äußeren Bedingungen anpassen, schreiben Post und Kollegen.

Gerade wenn die trächtigen Muttertiere am meisten Nahrung brauchen, fällt das Angebot nun spärlicher aus, sodass weniger Jungtiere überleben. Unter dem Rentierschwund leidet wiederum die Urbevölkerung der Inuit, die den Tieren seit Jahrtausenden nachstellen. "Sämtliche Inuitjäger an meinem Untersuchungsort in Grönland haben die Rentierjagd aufgegeben", sagt Post. (APA, tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 11.09.2009)