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Smarter Bluffer wie einst  Orson Welles mit dem Hörspiel "The War of the Worlds": Jan Henrik Stahlberg

Foto: Reuters

Hamburg - Mit gefälschten Websites und einer geschickten Inszenierung hat der deutsche Regisseur Jan Henrik Stahlberg, mit subversiv-satirischen Kinoproduktionen wie "Muxmäuschenstill" bekannt geworden, am Donnerstag die Medien hereingelegt. Er hatte mehrere, aufeinander verweisende Internet-Seiten produziert und so vorgegaukelt, in einer amerikanischen Kleinstadt habe es einen Selbstmord-Anschlag gegeben.

Stahlbergs neues Werk "Short Cut To Hollywood", aus dem der Grundgedanke und das gesamte Material für seine Fälschung stammen, läuft am 24. September in den Kinos an. Stahlberg bezeichnete seine Inszenierung als "PR-Versuch, ganz nah an unserem Film". Da gehe es um drei "vollkommene Nichtskönner" aus Berlin, die in den USA dadurch berühmt werden wollen, dass sie den Medien ein Selbstmordattentat versprechen. "Ich wollte sehen, ob so etwas tatsächlich in der Realität passieren kann", meinte Stahlberg. Der Journalismus in Zeiten von Twitter und Webrecherche sei zunehmend von Schnelllebigkeit geprägt.

Berlin Boys

In seiner Inszenierung hatte ein Sender namens "vpk-tv" zunächst berichtet, es gebe einen Selbstmordanschlag in einem Lokal in der Innenstadt von Bluewater. Eine Stunde später berichtete der Sender, es handle sich nicht um "arabisch-stämmige" Männer, wie zunächst berichtet, sondern um drei deutsche Rapper einer Gruppe mit dem Namen Berlin Boys. Die Berlin Boys sind auch die Hauptfiguren in "Short Cut To Hollywood". Ein angeblicher deutscher Hospitant des Senders hatte am Vormittag Agenturen und Medien auf den "Anschlag" aufmerksam gemacht; über den Fall berichtet wurde nach kurzer Überprüfung der Websites und Anrufen bei Polizeinummern, die auf einer ebenfalls gefälschten Website des Ortes Bluewater standen.

Auf den Bildern auf der Website des "Senders" - die dem Film "Short Cut To Hollywood" entstammen - war zu sehen, wie Menschen aus einem Lokal rannten, eine Nachrichtensprecherin berichtete aufgeregt und stockend über das Ereignis. Das ganze Ausmaß der Inszenierung inklusive der Webseite einer Kleinstadt namens Bluewater, Telefonnummern der zuständigen Polizei und Feuerwehr (die mit amerikanischen "Mitspielern" Stahlbergs besetzt waren) und eines falschen Medien-Informanten wurde erst Stunden später deutlich. Nicht nur die Website des TV-Senders war gefälscht, auch der Webauftritt des Ortes Bluewater stimmte nicht. Dort angegebene Telefonnummern von Polizei und Feuerwehr waren ebenfalls falsch. Auf telefonische Anfragen hatten die Mitspieler als Sprecher von Polizei und Feuerwehr bestätigt, dass es einen Vorfall gegeben habe, und später, dass drei Deutsche festgenommen worden seien.

Wiki-Bluff

"Das war reine Satire. Wir ziehen den Film in die Realität", kommentierte der Kinoregisseur seine Aktion im Anschluss. Es dauerte 28 Minuten lang, bis eine Agenturmeldung "TV: Anschlag in kalifornischer Kleinstadt" unter dem Stichwort "USA/Terrorismus" durch die Eilmeldung ersetzt wurde "Polizei: Bericht über Anschlag in Kalifornien war Scherz". Aber auch der zitierte Polizist in der fiktiven Stadt Bluewater war nicht echt, die Inszenierung ging weiter. Nun hieß es, Berliner Rapper hätten den Überfall vorgetäuscht.

Es bedurfte weiterer Recherchen, um die Fälschung zu entlarven. Erst ein Anruf bei der übergeordneten Polizeistation in San Bernardino ergab, dass dort niemand von einem derartigen Vorfall oder von Festnahmen wusste. Und erst eine genauere Untersuchung mit dem Überprüfungstool whois.net zeigte, dass sowohl die Website des Senders vpk-tv.com als auch die angebliche Website der Kleinstadt bluewatercity.com erst am 29. Juni 2009 registriert worden waren. Bei beiden Anmeldungen war auch die selbe Faxnummer angegeben. Ebenfalls manipuliert war ein Wikipedia-Eintrag, wo erst seit dem 9. September ein Link auf die gefälschte Website der Stadt Bluewater führte. (APA/red)