derStandard.at: Wird in Österreich im Bereich Armutsbekämpfung von Menschen mit Behinderung genug getan?

Angela Wegscheider: Man muss zwischen der sozialen Unterstützung von Menschen mit Behinderung und der tatsächlichen Gleichstellung unterscheiden. In der sozialen Unterstützung von Menschen mit Behinderung sind wir eigentlich ganz gut. Natürlich könnte es auch besser sein. Es gibt zwar schon viele Menschen mit Behinderung, die sich als arm einstufen, aber im Vergleich mit anderen sogenannten "Problemgruppen" stehen behinderte Menschen eigentlich recht gut da. Das Problem liegt eher in der Wahrnehmung, was die Gleichstellung betrifft: Herrscht Gleichstellung oder nur Chancengleichheit?

derStandard.at: Was genau ist der Unterschied?

Wegscheider: Chancengleicheit kann eher ein neoliberaler Begriff sein, wenn er nur die formale Ebene betrifft. Jeder Mensch hat die gleichen Rechte durch das Gesetz, aber man schaut sich die Ausgangssituation nicht an. In Österreich hat zum Beispiel jeder das gleiche Recht auf Bildung. Aber es gibt Barrieren für Ärmere und Menschen mit Behinderung. Wenn diese Barrieren ausgeräumt werden, dann wäre substantielle Gleichheit gegeben. In den skandinavischen Ländern wird sehr wohl auf die Ausgangssituation geschaut. Man hilft den Menschen, die Barrieren zu überwinden. Dasselbe gilt für die Behindertenpolitik. In Österreich gibt es zwar genug Sozialleistungen, aber volle Gleichstellung nicht. Das hierarchische Denken ist noch stark vorhanden. Man schaut, dass die Betroffenen gut versorgt sind. Andere entscheiden, was gut und richtig für behinderte Menschen ist.

derStandard.at: Was kann unternommen werden, damit die Gleichstellung weiter voranschreitet?

Wegscheider: Es muss sich was in der Wahrnehmung von Behinderungen ändern. Sensibilisierungsmaßnahmen gibt es ja eigentlich genug. Sie helfen aber nicht immer, weil die Menschen übersättigt sind. Andere sagen, man muss durch Geldstrafen versuchen, die Gleichstellung herzustellen. Ich denke, dass ein Mix aus beidem gut wäre. Man kann nicht nur den Zeigefinger heben und sagen, dass man behinderte Menschen nicht diskriminieren darf. Aber, dass es dann wie in Amerika sehr hohe Geldstrafen gibt, das passt auch nicht in die österreichische Rechtskultur. Betriebe können eine Ausgleichstaxe, eine Art Strafe wenn sie der Beschäftigungspflicht von Menschen mit Behinderung nicht nachkommen, bezahlen. Die ist aber mit 220 Euro im Monat definitiv zu niedrig und deshalb diese Regelung auch zu wenig wirksam. Es braucht eine Mischung aus sozialer Unterstützung und wirksamen Anti-Diskriminierungsmaßnahmen.

derStandard.at: Wieviele Menschen mit Behinderung sind betroffen von Armut?

Wegscheider: Die Gruppe ist jedenfalls größer als bei nicht behinderten Menschen. Aber das Problem ist, dass man in Österreich gar nicht weiß, wer von einer Behinderung betroffen ist. Zudem werden in allen Erhebungen die Menschen, die in Einrichtungen wohnen, ausgeschlossen. Und man weiß in manchen Fällen nicht, was zuerst da war: Die Behinderung oder die Armut. Ein Arbeitsunfall in einem schlecht bezahlten Beruf unter prekären Verhältnissen kann zu einer Behinderung führen. Bei anderen wiederum ist die Armut da, weil man aufgrund der Behinderung keine adäquate Ausbildung machen kann. (rwh, derStandard.at, 24.9.2009)