Für Werner Lampert hat die Welt nichts aus der Finanzkrise gelernt. "Es war wie ein Verkehrsunfall. Wer ihn überlebt hat, gibt nach ein paar Jahren wieder Vollgas."

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STANDARD: Die Landwirtschaft wird hoch subventioniert. Stört Sie das?

Lampert: Bauern werden Standards vorgegeben, nach denen sie zu produzieren haben. Für ihre Produkte zahlen wir Preise, von denen kein Mensch leben kann. Dann werfen wir ihnen vor, dass wir sie subventionieren müssen. Es braucht hier eine ehrlichere Diskussion. Im alpinen Raum ist Landwirtschaft oh-ne Subvention nicht möglich. Bauern machen hier Arbeiten, die der gesamten Gesellschaft dienen. Dafür muss es einen Ausgleich geben.

STANDARD: Milchpreise sind im Keller und Bauern auf der Straße. Auch Sie verkaufen Biomilch bei Diskontern. Wie passt das zusammen?

Lampert: Als ich mich entschieden habe, die Biobauern mit Handelsketten zusammenzubringen, wurde ich von ihnen auf Versammlungen ausgepfiffen und auf das übelste beschimpft. Aber die Wirklichkeit hat gezeigt, dass es der einzige Weg ist, um den Biolandbau voranzubringen. Man muss mit der Handelslandschaft leben und arbeiten.

STANDARD: Wird die Welt nach der Finanzkrise eine andere sein?

Lampert: Aus dieser Krise wird kein Einziger eine Lehre ziehen. In zwei bis drei Jahren wird alles so weiterlaufen wie zuvor. Die Finanzmärkte werden nicht reguliert. Die Aufsichten werden mies sein wie immer. Und die Landwirtschaft wird wieder ein Opfer von Spekulanten. Manchmal werden die Preise extrem hoch sein, dann elend tief. Ich sehe nirgendwo einen Ansatz einer ernsten Bemühung um Änderung. Es war wie ein Verkehrsunfall. Wer ihn überlebt hat, gibt nach ein paar Monaten wieder Vollgas.

STANDARD: Sind Sie denn selbst nie der Versuchung erlegen zu zocken?

Lampert: Niemals. Ich habe in meinem Leben noch nie Aktien besessen. Ich brauch diese Aufregungen rund um Spekulationen nicht.

STANDARD: Aber Geld ist doch sicherlich auch für Sie wichtig. Sind Sie eigentlich reich?

Lampert: Ich führe ein gutes Leben, und ich liebe es, dieses zu führen.

STANDARD: Sie sind vehementer Kritiker der Globalisierung. Können Sie ihr auch etwas Gutes abgewinnen?

Lampert: Natürlich. Als die Grenzen noch dicht waren und alles reglementiert war, sind wir im eigenen Sumpf dahingedümpelt. Die Globalisierung hat jedoch Teile der Landwirtschaft in eine absurde Industrialisierung getrieben. Ich war kürzlich bei einem Biobauern mit 100 Kühen und 40 Hektar Land, für den ist Landwirtschaft reine Spekulation. Jetzt, wo die Preise fallen, weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Globalisierung lehrt uns, dass Fortschritt auf Teufel komm raus alle an die Wand fährt.

STANDARD: Kleine Strukturen schön und gut, wo sind Grenzen dieses Modells? Kann man damit die Welt ernähren? Der Rohstoffbedarf wächst.

Lampert: Man kann das. Sehen Sie sich andererseits an, wie viel Butter und Milchpulver in Europa mit Steuergeld gebunkert werden. Man hat Bauern jahrelang eingeredet, sie sollen so viel wie nur möglich produzieren. Jetzt tun sie das, wir sitzen vor Milchseen und wissen nicht, was damit tun.

STANDARD: Es gibt Studien, die besagen, der biologische Landbau bedarf einer Milliarde Hektar Anbaufläche weltweit mehr, um Erträge des konventionellen Anbaus zu erreichen.

Lampert: Ich bin Studien gegenüber immer misstrauisch, Wissenschaft hat auch starken Selbsterhaltungstrieb. Die Ernährung lässt sich mit Bio sehr wohl sichern. Ganz im Widerspruch dazu agiert ja industrialisierte Landwirtschaft: Regenwald wird für sie systematisch zerstört. Da werden Dinge angebaut, die dort gar nicht wachsen können. Eine ernsthafte biologische Landwirtschaft kann nur im Einklang mit der Natur passieren, so abgegriffen das klingt.

STANDARD: Sie selbst haben Biolandbau aber auch schon als Feigenblatt einer global agierenden Landwirtschaft bezeichnet ...

Lampert: Er ist zum Teil auch zu ihrer Karikatur geworden. Wenn ich im Biolandbau Federmehl aus China, Knochenmehl aus Südamerika, Soja aus Südamerika einsetze, Bio zur Allerweltsware wird und ihre Inhalte verraten werden, dann ist das eine Bewegung ins Out. Dafür soll keiner mehr zahlen sollen.

STANDARD: Sie sind ein Gegner der Gentechnik. Ist das nicht ein Selbstbetrug, in vielen Bereichen wird sie anstandslos akzeptiert.

Lampert: Gentechnik ist für mich nicht nur eine inhaltliche, sondern eine Glaubensfrage. Und ich glaube daran, dass sie für uns schlecht ist. Aber wie soll man das mit jemandem diskutieren, der an Gentechnik glaubt. Das ist wie wenn man über Buddha und Jesus redet.

STANDARD: Und in der Medizin?

Lampert: Ich kenne chronisch Kranke, die nur geheilt werden können durch Fortschritte in der Medizin. So jemandem zu sagen, ich bin hier gegen Gentechnik, dazu habe ich den Mut nicht, und das würde ich auch in keiner Sekunde tun. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2009)