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Ratlose Gesichter vor dem France-Telecom-Headquarter in Paris.

Foto: AP/Euler

Paris - Nach einer Welle von Selbstmorden hat der französische Konzern France Telecom den Konzernumbau vorerst ausgesetzt. Bis Ende Oktober werde das Projekt auf Eis gelegt, teilte das Unternehmen in Paris mit. Gleichzeitig würden hundert zusätzliche Personalexperten angeheuert. France Telecom-Chef Didier Lombard beteuerte in Paris, er wolle alles tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. 

Staatlicher Druck

Der französische Telekomanbieter beugt sich damit dem Druck seines staatlichen Mehrheitsaktionärs und verspricht, seine Restrukturierungen künftig menschlicher zu gestalten, so Lombard nach einem Treffen mit dem französischen Arbeitsminister Xavier Darcos. Darcos kündigte außerdem an, die betriebsinternen Verhandlungen zum Thema Arbeitssicherheit und -gesundheit unter staatliche Beobachtung zu stellen. Der zuständige Direktor müsse ihm künftig jeden Monat Bericht erstatten: "Es gibt keinen technischen Fortschritt ohne sozialen Fortschritt."

Mit den Gewerkschaften sollen nun Gespräche über Stress am Arbeitsplatz beginnen, denn die Gewerkschafter sind davon überzeugt, dass ein Teil der Selbstmorde direkt auf die Arbeitsbedingungen und den Konzernumbau bei France Télécom zurückzuführen sind. In den vergangenen Jahren wurden 22.000 Jobs gestrichen und 7000 Mitarbeiter versetzt. Druck entstand auch, weil der Ex-Monopolist die Zahl der Beamten sukzessive verringert. Im Jahr 2008 schieden etwa 4000 "freiwillig" aus der Firma.

Selbstmordwelle

Arbeitnehmervertretern zufolge hat es bei France Telecom seit Februar 2008 23 Suizide und 13 Selbstmordversuche gegeben. Der jüngste Fall: Diese Woche am Montag wurde im nordostfranzösischen Metz ein 53-jähriger Mann an seinem Arbeitsplatz gefunden, der sich mit Schlafmitteln umbringen wollte, aber gerettet werden konnte. Am Freitag stürzte sich eine 32-Jährige während der Arbeit aus dem Fenster.  "Ich bin tief getroffen, das ist schrecklich", sagte Personalchef Olivier Barberot der Zeitung "Journal du Dimanche". Die Angestellte sollte einen neuen Chef bekommen. Sie habe aber auch persönliche Probleme gehabt, so Barberot. Erst vergangenen Mittwoch rammte sich ein Störungstechniker, der im Zuge des Umbaus auf einen anderen Posten wechseln sollte, vor seinen Kollegen ein Messer in den Bauch. Er überlebte zwar, tausende Konzernmitarbeiter beteiligten sich aber am Donnerstag an Protesten gegen ihre Arbeitsbedingungen und die Methoden des Managements. Ab sofort sollen jedenfalls alle Betriebsärzte psychisch labile Mitarbeiter melden.

In Frankreich können Selbstmorde als Arbeitsunfall gelten. Gelingt den Hinterbliebenen der Nachweis, dass das Unternehmen für den Tod verantwortlich ist, haben verwitwete Ehepartner einen Anspruch auf 40 und Kinder auf 20 Prozent des Gehalts des Verstorbenen. (red)