Immer wieder lassen sich Leute von Beratern auf der Wohnzimmercouch zu Produkten überreden, die sie eigentlich nicht verstehen, deren Risiko sie nicht kennen. Mit dem Schaden bleiben Anleger oft alleine

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Herr M. (60) entscheidet sich im Herbst 2000 für einen Hauskauf. Besagtes Haus kostet 180.000 Euro. Herr M. selbst hat 109.000 Euro auf der hohen Kante, braucht also für die Finanzierung der neuen vier Wände 71.000 Euro. Ein logischer Schritt wäre jetzt wohl der Weg zur Bank für einen Kredit über die offene Summe. Herr M. entscheidet sich aber, mit der Finanzierungsfrage zu einem Finanzdienstleister zu gehen. Dieser rät dazu,

Qdie 109.000 Euro als Einmal-Erlag in eine fondsgebundene Lebensversicherung einzuzahlen - Laufzeit zehn Jahre - und

Qeinen endfälligen Fremdwährungskredit über rund 230.000 Euro aufzunehmen. Laufzeit ebenfalls zehn Jahre.

Der Finanzdienstleister begründet diese Strategie damit, dass man ohnehin immer mehr Geld für einen Hauskauf brauche, da immer wieder Kosten anfallen würden, an die man anfangs gar nicht denke. Und durch die gute Performance der Fonds in der Lebensversicherung zahle sich der Kredit quasi von selbst zurück. Herr M. müsse im Laufe der Jahre nur die Zinsen zahlen. Damit im Falle des Todes von Herrn M. seine Nachkommen nicht mit dem Kredit belastet werden, wird der Ablebensschutz verdoppelt - also auf 200 Prozent der Versicherungssumme (218.000 Euro) angehoben.

Für Herrn M. klingt die Strategie nachvollziehbar, er unterschreibt. Und dann - kam die Finanzkrise. Die Performance der Fonds rasselte nach unten und vernichtete das Geld von Herrn M. Allein durch die Verluste der Fonds schrumpfte das Guthaben von Herrn M. auf knapp die Hälfte. Durch den erhöhten Ablebensschutz und eine Klausel im Versicherungsvertrag war die Versicherungsgesellschaft noch dazu berechtigt, die sich "versicherungsmathematisch ergebenden Mehrkosten des erhöhten Ablebensschutzes vom Fondsguthaben in Abzug zu bringen" . Unter dem Strich wirkte sich das - neun Jahre nach dem Abschluss der Versicherung und knapp vor der Fälligkeit des Kredits - so aus, dass das veranlagte Kapital im Tilgungsträger von 109.000 Euro auf knapp 18.000 Euro geschmolzen ist. Im kommenden Jahr muss Herr M. aber seine Kreditforderung von 230.000 Euro bedienen.

"Das Schicksal von Herrn M. ist kein Einzelfall" , weiß Ernst Hafrank, Leiter des Referates Finanzdienstleistungen der Arbeiterkammer Niederösterreich. Die endfälligen Kredite (die meisten davon in fremder Währung) sind dem Konsumentenschützer ein Dorn im Auge. "Das wahre Ausmaß dieser Finanzierungsform, bei der während der Laufzeit nur die Zinsen bezahlt werden, wird in den kommenden Jahren sichtbar" , sagt Hafrank. Dann reifen die ersten endfälligen Verträge ab, und die Lücke zwischen dem Tilgungsträger (der die Kreditsumme finanzieren soll) und dem Kredit wird offengelegt.


Sanierende Eingriffe fehlen


Was Hafrank ärgert, ist, dass derzeit weder Banken noch Versicherungen sanierend eingreifen wollen, obwohl bei vielen Kunden klar sei, dass der Tilgungsträger für die Forderung nicht reicht.

Die meisten Fälle, mit denen Hafrank konfrontiert wird - monatlich sind es rund 160 -, gehen zurück auf die Vermittlung durch Finanzdienstleister. Dass diese die endfälligen Kredite so stark in Umlauf gebracht haben, kann sich Hafrank "nur mit der Höhe der Provision für solche Produkte erklären" .

Das Problem, das noch hinzukommt: Bei der Vermittlung solch eines Kredits durch Finanzdienstleister werden Versicherung und Kredit meist bei zwei unterschiedlichen Instituten abgeschlossen. "Die Banken ziehen sich dann mit dem Argument, der Tilgungsträger sei nicht von ihnen, oft zu leicht aus der Affäre" , wie Hafrank findet. Besser sei es daher, alles bei einem Institut abzuschließen, so der Ratschlag des Experten. Grund: "Weil die Institution bei Problemen dann flexibler reagieren kann."

Dass das Vertrauensverhältnis zwischen Finanzdienstleistern und Kunden sehr rasch und quasi zwischen Tür und Angel entsteht, kann sich Manfred Neubauer, Leiter des AKNÖ-Verbraucher- und Informationsservice, zwar erklären, aber nicht verstehen. "Oft stammt der Berater aus dem Bekanntenkreis, da wird schnell vertraut. Warum sollte mich der gute Freund oder Onkel anlügen?" , sagt Neubauer. Hinzu komme die fehlende Verbraucherbildung im Finanzbereich. "Wenn dann noch Sätze fallen wie ‚Ich habe ein tolles Produkt aber nur noch heute und nur für Sie‘, sollten eigentlich alle Alarmglocken läuten" , sagt Neubauer. Zudem höre die Beratung meist dann auf, wenn es um Risiko und Kosten geht. Und oft, so klagten viele Betroffene hinterher, fehle in der Situation einfach der Mut zum Nachfragen, wenn etwas nicht verstanden wird.

Dass bei solchen Terminen im Wohnzimmer sehr rasch Verträge abgeschlossen werden und mitunter hohe Summen auf einen Schlag veranlagt werden, ist den beiden Konsumentenschützern immer noch ein Rätsel. "Beim Kauf der Milch wird bis auf den Cent verglichen, welches Packerl billiger ist. Bei Finanzprodukten wird vorschnell gehandelt und oft das ganze Vermögen einer Familie aufs Spiel gesetzt" , bringt es Hafrank auf den Punkt. Er ist sicher: Würde die Beratung etwas kosten, würden viele Leute vorsichtiger mit den Empfehlungen umgehen.

Zeit nehmen und vergleichen

Die AK-Experten raten daher, niemals gleich beim ersten Termin Produkte zu kaufen oder Verträge zu unterschreiben. Für die Geldanlage sollte man sich Zeit nehmen, mit den Produktvorschlägen andere Berater - etwa bei der Hausbank - kontaktieren, Gegenangebote einholen und sich im Internet informieren. "Beim Gespräch mit dem Berater sollten Anleger ihre Gier ausschalten. Dort, wo zehn Prozent Rendite und mehr draufsteht, ist auch viel Risiko drinnen" , warnt Neubauer. Und: "Was man nicht versteht, soll man nicht kaufen."

Herrn M. hilft all das jetzt nichts mehr. Er kämpft derzeit um sein Haus und seine finanzielle Absicherung. Wenigstens zeigt sich die Versicherung verhandlungsbereit und will Herrn M. entgegenkommen. Den Kredit muss Herr M. aber alleine stemmen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.9.2009)