Wien/Perchtoldsdorf - Manchmal kann es teuer kommen, auf der falschen Straßenseite zu wohnen. Im Fall von Monika Bangert sind es 226 Euro im Monat. So viel muss die Perchtoldsdorferin nämlich für den privaten Kindergarten, den ihre fünfjährige Tochter in Wien besucht, mehr bezahlen als Wiener Eltern. Die Landesgrenze zwischen Wien und Niederösterreich verläuft in der Mitte der Straße, in der die Familie wohnt. Für den Gratiskindergarten in Wien gilt: Es müssen das Kind selbst und mindestens ein Elternteil in der Bundeshauptstadt gemeldet sein, sonst wird wie bisher der volle Kindergartenbeitrag eingehoben.

Damit haben Bangert und ihr Lebensgefährte, die beide auch in Wien arbeiten, noch nicht wirklich ein Problem - "obwohl wir in Wien Kommunalsteuern zahlen". Was die Niederösterreicherin, die als Produktionsleiterin in einem Theater beschäftigt ist, vor allem ärgert: "Das Land Niederösterreich erhält vom Bund Geld für das verpflichtende letzte Kindergartenjahr, und ich habe nichts davon." In Niederösterreich ist der Vormittag gratis, die Betreuung am Nachmittag kostet derzeit 80 Euro.

Der Bund schießt den Ländern laut 15a-Vereinbarung bis 2013 jährlich 70 Millionen Euro für die Schaffung kostenloser Halbtagesplätze für Fünf- bis Sechsjährige zu. Niederösterreich, Kärnten und Oberösterreich haben das verpflichtende Kindergartenjahr bereits umgesetzt. Die übrigen Bundesländer folgen 2010.

Im Büro von Familienstaatssekretärin Christine Marek (ÖVP) ist man der Ansicht, dass sich Wien und Niederösterreich das selbst ausschnapsen sollen. "Wir stellen die 70 Millionen zur Verfügung, die anhand der Zahl der Kinder verteilt werden", sagt ein Sprecher Mareks. "Wir sind uns aber der Problematik bewusst und wir erwarten von den Ländern, dass es eine Lösung für die Eltern gibt."

Wien zahlt auch in NÖ

Wien geht einen grundlegend anderen Weg. "Solange das Kind und die Eltern in Wien gemeldet sind, fördern wir auch den Kindergartenbesuch in Niederösterreich mit bis zu 226 Euro im Monat", sagt eine Sprecherin von Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ). Verhandlungen mit Niederösterreich gebe es derzeit keine.

Im Büro der niederösterreichischen Landesrätin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) heißt es auf Nachfrage, dass es für den Kindergartenbesuch in einem anderen Bundesland grundsätzlich keine Unterstützung gebe. Es seien bereits 280 Millionen Euro für den Ausbau der Plätze in die Gemeinden geflossen. "Die Kapazität ist also vorhanden", sagt ein Sprecher Mikl-Leitners.

Der Bürgermeister von Perchtoldsdorf habe ihr allerdings in einem Gespräch zu verstehen gegeben, dass es ohnehin auf die Schnelle keinen Platz für ihre Tochter gebe, sagt Bangert. "Ich könnte der Kindergartenpflicht in Niederösterreich also gar nicht nachkommen."

Die Entscheidung, ihre Tochter in den Rudolf-Steiner-Kindergarten im 23. Bezirk zu geben, habe auch schlicht praktische Gründe. Bangert: "Ich fahre mit der Straßenbahn fünf Stationen bis zum Kindergarten und dann weiter in die Arbeit." In Perchtoldsdorf bräuchte sie jeden Tag in der Früh eine Dreiviertelstunde länger, weil ihr Mann das Auto braucht und sie ihre Tochter zu Fuß hinbringen müsste.

Bürgermeister Martin Schuster (ÖVP) betont im Gespräch mit dem Standard, dass es sich durch den Ausbau "ausgehen müsste", selbst wenn alle Eltern, deren Kinder nicht in seiner Gemeinde betreut werden, diese in Perchtoldsdorf in den Kindergarten geben wollten. "Für die nächsten zwei Jahre sollte eine Übergangslösung gefunden werden", sagt Schuster. Wie diese aussehen könnte? "Eine Direktförderung wäre ein möglicher Weg."
Kindergärten als hohe Schule des Föderalismus: Niederösterreichische Eltern bekommen vom Land keinen Cent, wenn ihr Kind einen Wiener Kindergarten besucht. Wien zahlt im umgekehrten Fall schon. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2009)