Richard Wadani über Österreichs Beschäftigung mit dem Thema Opfer der NS-Justiz: "Wenn mich der Herrgott holt, dann läuft das weiter. Da habe ich keine Angst."

Foto: derStandard.at/Winkler

"Bei jeder neuen Schweinerei gibt es ein paar Tage Aufregung, und dann ist es wieder vorbei. Aber so geht das nicht - man muss da dranbleiben, immer weiter nachfragen."

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"Wenn es uns gelingt, unsere Argumente anzubringen, sind wir im Vorteil. Wir haben die besseren Argumente."

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"Nach 60 Jahren Diskriminierung, in denen wir die Verräter und Schweinehunde waren, war es höchste Zeit für diese Ausstellung". Für Richard Wadani, der 1944 aus der deutschen Wehrmacht desertierte, kommt die Ausstellung "Was damals Recht war", die das Schicksal von Opfern der NS-Justiz beleuchtet "spät - aber besser spät als gar nicht". Wadani führt eine Wiener Schulklasse durch die Ausstellung im Nestroyhof, am selben Tag hatte er schon zwei Interviewtermine. "Das mache ich so lange ich es machen kann", meint der 87-Jährige. "Die meisten von uns sind ja schon weggestorben, es gibt ja nur mehr 30 oder so". Etwa 30.000 Todesurteile wurden vom NS-Regime verhängt, 15.000 davon wegen Desertion, 1.400 Getötete waren Österreicher.

Für eine Verurteilung brauchte es nicht viel. Ein Witz über Hitler: Ein Todesurteil. Ausdruck der Hoffnung auf ein Ende des Krieges: Ein Todesurteil. Ein eigenmächtig verlängerter Heimaturlaub: Ein Todesurteil. Ein Teil der Ausstellung widmet sich den Juristen, die im Dritten Reich oft wegen minimaler Vergehen Todesstrafen über Deserteure verhängt hatten - und nach dem Krieg trotzdem ungestraft in Amt und Würden geblieben sind. "Aber wie kann denn das sein?", fragt eine Schülerin. "Das ist es ja, das war eben die Zeit", seufzt Wadani.

Mit derStandard.at sprach Wadani über unzureichende Gesetze, verkommene Politiker und wieso er Österreich nicht böse sein kann. Die Fragen stellten Rosa Winkler-Hermaden und Anita Zielina.

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derStandard.at: Herr Wadani, gerade haben Sie eine 7. Klasse durch die Ausstellung geführt. Was, hoffen Sie, haben Sie den SchülerInnen mitgeben können?

Wadani: Ich kann nur versuchen auf Fragen zu antworten, ich will nicht mit dem Hammer immer hinhauen und Vorträge halten. Es gibt aber immer wenige Fragen, wahrscheinlich sind sie sehr mit dem Gesehenen und Gehörten beschäftigt.

derStandard.at: Es gibt viele junge Menschen, die die FPÖ wählen, macht ihnen das Sorgen?

Wadani: Junge Menschen sind sehr kritisch - und die anderen Parteien machen es der FPÖ leicht. Ich sage immer: Wenn man nicht angreift, wenn man nicht ständig Themen aufbringt, dann erreicht man nichts. Die jungen Leute sagen: Das ist einer von uns, der geht mit uns in die Disco. Die anderen sind langweilig und grantig. Die Jungen gehen halt dorthin, wo sie glauben, dass was los ist.

Was ich den anderen Parteien vorwerfe, in der Affäre Kampl (Siegfried Kampl hatte NS-Deserteure als "zum Teil Kameradenmörder" bezeichnet, Anm.) zum Beispiel: Da gab es kurz Aufregung, die Parteien haben eine Kampagne gemacht - aber nach ein paar Tagen ist alles eingeschlafen. Bei jeder neuen Schweinerei gibt es ein paar Tage Aufregung, und dann ist es wieder vorbei. Aber so geht das nicht - man muss da dranbleiben, immer weiter nachfragen.

derStandard.at: Wie geht es Ihnen wenn Sie die Reaktionen von FPÖ und BZÖ in der Deserteursdebatte hören? Haben Sie Angst?

Wadani: Oh nein, Angst habe ich nicht. Wenn es uns gelingt, unsere Argumente anzubringen, sind wir im Vorteil. Wir haben die besseren Argumente. Deswegen weicht uns die FPÖ, das BZÖ aus und macht nur Aussendungen, sie wollen mit uns nicht diskutieren. Ich würde dem Herrn Strache gern einmal erklären, dass ich aus einer fremden Armee desertiert bin, dass ich immer für Österreich eingestanden bin.

derStandard.at: Ihnen geht das Anerkennungsgesetz 2005 nicht weit genug, etwa weil es keine explizite Aufhebung der nationalsozialistischen Urteile beinhaltet. Denken Sie, dass die von Ihnen geforderte Gesetzesänderung kommt?

Wadani: Ja, ich glaube das wird kommen. Aus mehreren Gründen: Die Parteien gehen jetzt in einer Frage konform, wo sie 2005 noch nicht konform gingen. Andreas Khol für die ÖVP hat stark umgeschwenkt. Kardinal Schönborn war uns mit seiner Unterstützung auch eine große Hilfe. Und noch etwas kommt dazu: Der Kameradschaftsbund, der immer ein besonderer Gegner war, ist genauso ausgestorben wie wir, da gibt's den harten Kern auch nicht mehr.

derStandard.at: Sind Sie Österreich böse, dass die Rehabilitation der Wehrmachtsdeserteure so lange gedauert hat?

Wadani: Nein, böse bin ich nicht. Das Ganze ist eine politische Frage, eine Frage der charakterlichen und moralischen Ausrichtung - und das kann man ja auch nicht ändern. Damals, nach dem Krieg, war da eine politische Generation an der Macht, die, das sage ich so, politisch total verkommen war. Und die, die etwas hätten besser machen können, sind erst viel zu spät aus den Konzentrationslagern heimgekommen. Also böse kann ich niemandem sein.

derStandard.at: Sie haben vorher angesprochen, dass Sie sich solange für das Thema engagieren werden, wie Sie noch können. Haben Sie Angst dass, wenn Sie nicht mehr da sind, das Thema einschläft?

Wadani: Nein, die habe ich nicht. Da sind wir viel besser dran als die Kollegen in Deutschland. Wir haben so viele junge Menschen, junge Historiker und Politologen, die das voranbringen, voller Engagement und Überzeugung. Wenn mich der Herrgott holt, dann läuft das weiter. Da habe ich keine Angst. (derStandard.at, 17.9.2009)