"So, dann gehen wir." Eine winzige Sekunde lang atmet Grünen-Chefin Claudia Roth durch, dann streckt sie sich und stürmt los. "Ja, hallo, hallo, ich wollte nur mal guten Tag sagen", ruft sie und steht schon mitten zwischen Bananen, Tomaten, Gurken und Feigen. "Sind die aus der Türkei", fragt sie den verdutzten Gemüsehändler in Berlin-Kreuzberg und hält Paprika hoch. "Nööö, aus Portugal", antwortet der lakonisch.

Egal, daneben liegen ja noch blaue Trauben. "Schau mal Christian, so schöne Trauben", lobt Roth und hält die Früchte hoch. Auch Christian Ströbele, grüner Direktkandidat in Berlins Multi-Kulti-Wahlkreis, lächelt so verzückt, als habe er etwas Derartiges noch nie gesehen. Fotografen und Kameraleute drängen, der Marktstand wackelt. Roth lächelt zufrieden. So muss es laufen im Wahlkampf.

150 Termine absolvieren sie, ihr Co-Chef Cem Özdemir sowie die Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Renate Künast. Bei der Wahl geht es für die Ökopartei um zweierlei: Schwarz-Gelb will sie verhindern. Und die Schmach der Wahl 2005 tilgen: Da flogen die Grünen nicht nur aus der Regierung, sondern wurden hinter FDP und Linken nur drittstärkste Oppositionskraft im deutschen Bundestag. Hinter den Linken! Das schmerzt noch heute.

"Mhhmmm, ist das lecker." Roth ist schon im nächsten Laden. Dort gibt es getrocknete Früchte. "Machen Sie das alles selbst?" , fragt Roth den türkischen Besitzer. Der verneint. Leider müsse er seine Waren importieren. Gern würde er ausbauen, aber er bekommt keinen Kredit. "Typisch" , schimpft Roth, "Angela Merkel macht eine völlig falsche Politik." Den großen Banken bereite sie ein Rettungspaket - und dabei fehle die Auflage, dass diese das Geld an den Kleinunternehmer weitergeben müssen.

"Überwachungsstaat" droht

Roths Kritik ist noch lange nicht zu Ende, ebenso wenig ihr kulinarischer Spaziergang. Etwas weiter die Straße runter wartet schließlich noch "der beste Döner Berlins" . Wahlkampf kann so anstrengend sein. "Die Bundeskanzlerin will ja im Schlafwagen an die Macht" , schimpft Roth über Merkels zurückhaltenden Wahlkampf.

Deshalb müssen die Grünen in den letzten Tagen noch einmal alles geben. Wer sonst könnte den Bürgern die Augen öffnen über das, was unter Schwarz-Gelb droht, meint Roth. Das Horrorszenario ist schnell beschrieben: "In einem Überwachungsstaat werden Muslime unter Generalverdacht gestellt. Die Atomkraft kehrt wieder." Und es gebe keine Perspektive für einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Binnen vier Jahren müsse man dort raus, meint Roth.

Die SPD oder deren Kandidaten Frank-Walter Steinmeier verschont Roth im Gegensatz zu Merkel. Hofft sie etwa noch auf Rot-Grün? "Jeder wirbt für sich" , antwortet Roth. Dann will sie weiter. Der Blumenfrau muss sie ja auch noch die Hand drücken. (bau/DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2009)