David Sylvian (51), Sänger der grüblerischen Idylle.

Fotos: Lotus

Ähnlich wie der große und heute in experimenteller Musik am Rande der Obskurität nach künstlerischer Erfüllung suchende Poptragöde Scott Walker besitzt auch David Sylvian ein Vorleben im Pop. Ende der 1970er-Jahre bis 1983 war der heute 51-jährige Sylvian mit seiner Band Japan in Großbritannien so etwas Ähnliches wie das künstlerisch wertvolle Aushängeschild der damaligen New-Romantics-Bewegung.

Mit Alben wie Gentlemen Take Polaroids oder Tin Drum inszenierte sich die Band, bis zum letzten Hemdknopf durchgestylt, als Erbengemeinschaft David Bowies - wenn dieser weniger in Richtung Hitparade und noch entschiedener zu Art Rock und Lebenskunst zwischen Hochglanzmagazin und Hochkultur geschielt hätte. Getragen wurden die Songs schon damals von David Sylvians dunkel in den Braun- und Graubereichen des Lebens im Spätherbst grübelndem Bariton.

Nach dem Ende von Japan versuchte sich Sylvian mit wechselndem Erfolg an ungehörigen Mischungen zwischen edler Fusion von Jazz und Ambient, Dub und Elektronik. Er arbeitete etwa mit Holger Czukay von den deutschen Krautrockpionieren Can zusammen, mit Robert Fripp von den britischen Progressive-Rock-Monstern King Crimson oder Ryuichi Sakamoto, der japanischen Pop-Gottheit vom Yellow Magic Orchestra.

Zuletzt machte Sylvian mit einer Rückkehr zum (späten) Sound von Japan auf sich aufmerksam. Unter dem Projektnamen Nine Horses orientierte er sich auf dem Album Snow Borne Sorrow gemeinsam mit seinem ebenfalls bei Japan tätig gewesenen Bruder Steve Jansen sowie dem deutschen Elektroniker Burnt Friedman wieder verstärkt am edlen Songformat.

Seine bis dato radikalste Arbeit aber, das 2003 veröffentlichte Soloalbum Blemish erfährt jetzt eine Fortsetzung. Damals begann sich Sylvian, der seit fast zwei Jahrzehnten in totaler ländlicher Abgeschiedenheit im US-amerikanischen New England lebt, mit Improvisationsmusik zu beschäftigen. Seine damals mit dem inzwischen verstorbenen Freistilgitarristen Derek Bailey entstandenen Songs, die sich jedweder äußeren Formvorgabe zu verweigern versuchen, zählen bei aller Stille und Zurückhaltung im Ausdruck zu den extremsten Versuchen, das Songformat zu sprengen.

Gemeinsam mit seinem damaligen Kollaborateur, dem Wiener Elektronikmusiker und Gitarristen Christian Fennesz, der auch jetzt wieder als Koordinator fungierte, entstand mit dem Album Manafon ein etwas üppiger klingender, dennoch von der künstlerischen Haltung ebenso konsequenter Nachfolger.

Sylvian ließ in Wien, Japan und London internationalen Größen der Improvisationsmusik und Elektroakustik wie Keith Rowe, Evan Parker, Otomo Yoshihide, John Tilbury oder den Österreichern Burkhard Stangl und Werner Dafeldecker freien Lauf. Fennesz kittete die hörbar der eruptiven Stille zugeneigten Improvisationen zu belastbaren Trägermedien. Und Sylvian seinerseits versuchte seine Gesangsbeiträge freien Assoziationen abzuringen.

Neun Stücke bietet Manafon. Als Generalthema lassen sich die Themenbereiche Einsamkeit, Isolation und Verlust des spirituellen Bewusstseins wohl auch autobiografisch und geografisch festmachen. Sylvian haust nach seiner Scheidung seit Jahren allein im Wald und hatte als langjähriger Buddhist zudem eine schwere Glaubens- und Lebenskrise zu überwinden, wie man im Eröffnungssong Small Metal Gods oder im bitteren Rückblick The Rabbit Skinner nachhören kann.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Diese allein von Sylvians lebensdurchwirkter Stimme getragene Arbeit zieht einen keinesfalls nach unten. Eher öffnet sie weite herbstliche Räume für Einkehr und Meditation. Am besten hört man diese Musik allein. Unter Kopfhörern. Siehe auch: schwieriges Meisterwerk. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.9.2009)