Erschienen bei Artificial Eye, Region 2

Artificial Eye

Der schlichte Trailer dieses Films besteht aus einer Fahrtaufnahme, vorbei an dichter grüner Vegetation und Palmenhainen. Diese kontinuierliche Bewegung wird von Musik begleitet und immer wieder von schemenhaften Bildern und Sätzen überlagert. Wie man sehen - und hören - kann, geht es um einen Ort und eine in der nahen Vergangenheit angesiedelte Geschichte, die einander wechselseitig durchdringen. Man sieht ein Paar, ein kleines Mädchen mit Strohhut und Zöpfen und einen jungen Mann. Man hört, dass diese Personen auf einen Konflikt zusteuern. Man kann sich denken, dass dabei gesellschaftliche Hierarchien und die daran geknüpfte Hierarchie der Hautfarben eine Rolle spielen.

Am Ende des Trailers steht in großen Lettern der Titel, Chocolat, und "ein Film von Claire Denis". Es ist der erste Spielfilm der französischen Regisseurin (keinesfalls zu verwechseln mit dem zwölf Jahre später veröffentlichten romantischen Drama mit Juliette Binoche und Johnny Depp). Er spielt großteils in den 1950er-Jahren in Kamerun, im Haushalt eines französischen Kolonialbeamten. Dessen Frau und France, die kleine Tochter, bleiben häufig in der Obhut des Dieners Protée auf der entlegenen Farm zurück. Die Beziehung dieser drei Figuren wird zum Zentrum einer Erzählung, die um die komplexe Erfahrung der Kolonisation kreist und ganz eigene Wege geht, um dieser Komplexität ästhetisch und politisch zu entsprechen.

Chocolat hatte 1988 in Cannes Premiere und entwickelte sich zu einem Kritiker- und Publikumserfolg. Denis, die zuvor als Assistentin von Rivette, Jarmusch und Wenders gearbeitet hatte, wurde bald auch international als eine wichtige und unverwechselbare Erneuerin des Erzählkinos wahrgenommen. Ihr Werk ist inzwischen auf gut ein Dutzend Langfilme angewachsen, gerade war sie mit White Material im Wettbewerb von Venedig vertreten. Ihre Filme macht das noch lange nicht greifbarer: Der bereits im Vorjahr veröffentlichte 36 Rhums harrt in Österreich erst noch seines Kinoeinsatzes, frühe Arbeiten wie S'en fout la mort sind derzeit nicht einmal auf DVD erhältlich. Wenigstens für Chocolat hat sich das gerade geändert. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.9.2009)