Mit Neugier und Begeisterung: Orchesterleiterin Michi Gaigg.

Foto: L'Orfeo

Linz/Eisenstadt - 2009 war für Michi Gaigg und ihr L'Orfeo Barockorchester Linz ein denkbar ereignisreiches Jahr. Gleich drei Debüts bei prominenten Festivals haben die Musikerin und ihre Mitstreiter in den vergangenen Monaten absolviert: Bei "Operimsommer" im Theater an der Wien brachten sie konzertant Haydns Oper Die wüste Insel heraus, die demnächst auch als CD erscheint; bei den Salzburger Festspielen waren sie im Haydn-Zyklus mit der Schöpfung zu Gast; und im Rahmen des Lucerne Festivals debütierten sie vor wenigen Tagen mit Musik von Haydn, Vivaldi und aus dem französischen Barock.

Und wenn sie heute unter dem Titel Auftakt für London bei den Internationalen Haydntagen Eisenstadt Station machen und die Ouvertüre zu Armida, zwei Symphonien sowie Einlagearien mit der Sopranistin Nuria Rial und der Mezzosopranistin Margot Oitzinger musizieren, bewegen sie sich in der Nähe eines zweiten Projekts, das in diesem Jahr auf CD herausgekommen ist.

"Es ist ein sehr schönes, aber auch anstrengendes Jahr", sagt Gaigg, die das Orchester 1996 gegründet hat und es von der Geige aus leitet. Da sie als Intendantin der Donaufestwochen im Strudengau dort auch alljährlich eine Opernproduktion herausbringt, hatte sie heuer insgesamt vier Bühnenwerke zu lernen: "Zusammen mit Unterricht und Organisation bleibt da nicht mehr viel Zeit für anderes." Neben der eigentlichen musikalischen Arbeit gründlich Energie in ihre Projekte zu investieren, ist Gaigg gewohnt, seit sie bereits 1982 ihr erstes Orchester, "L'Arpa Festante München", ins Leben rief.

Für die Oberösterreicherin gingen der Wunsch, "in Richtung Aufführungspraxis zu gehen" und selbst initiativ zu werden, schon immer "Hand in Hand. Gerade in Österreich gibt es viel gute Musik, die noch in der Schatztruhe liegt." So hat es sich L'Orfeo zur Aufgabe gemacht, nicht nur Bekanntes zu pflegen, sondern auch Raritäten zu entdecken, und sich dabei ein Repertoire erarbeitet, das vom französischen Barock über Vorklassik und Klassik bis zur frühen Romantik reicht.

Auf etlichen Einspielungen ist dies dokumentiert; die Diskografie strotzt vor Auszeichnungen wie Diapason, Pizzicato, Choc du Monde und dem Pasticcio-Preis von Ö1. Besonderes Interesse haben Gaigg und ihr Orchester dabei der Vorklassik entgegengebracht: "Diese Übergangsphase, die Zeit der Aufklärung und des Sturm und Drangs, wo sehr vereinfacht und bürgergerecht geschrieben wurde, ist sehr aufregend. Andererseits gibt es natürlich vieles, das zu Recht in der Schublade verschwunden ist. Aber wenn man dann wieder bei Haydn und Mozart ankommt, ist das fantastisch. Dabei hatte ich viel über die Wiener Klassik gelernt. Die musikalische Sprache ist fast gleich geblieben, aber in ein anderes Haus gezogen. Wie Haydn etwa mit Farben umgeht, ist eine unglaubliche Faszination."

Für ihre eigene Musikbegeisterung nennt Gaigg, die in ihren Wanderjahren bei "London Baroque" und dem "Orchester des 18. Jahrhunderts" mitwirkte, als eine ganz wesentliche Phase bis heute in ihrer Studienzeit am Salzburger Mozarteum: "Die Vorlesungen bei Nikolaus Harnoncourt waren absolut prägend. Das war Anfang der 1980er-Jahre ein sehr überschaubarer Kreis. Er hat manchmal einfach das Violoncello ausgepackt und mit uns gespielt. Von dem, was er uns dabei beigebracht hat, sind mir manche Sätze in Erinnerung geblieben, die man das ganze Leben lang nicht vergisst." (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.9.2009)