Die Berater von Roland Berger empfehlen der ÖBB-Führung in ihrem Zwischenbericht einen dramatischen Sparkurs. Neben Nebenbahnenschließungen wird auch über die Verlagerung von Gütern auf Lkw angedacht.

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Während der Krankendatenskandal ÖBB-Führung, Eisenbahnergewerkschaft und Eigentümer gleichermaßen lähmt, droht der Bundesbahn die wirtschaftliche Entgleisung. Beschleunigt durch den massiven Einbruch bei der einstigen Cash-cow Rail Cargo Austria (RCA) - das Betriebsergebnis ist bis Juli 2009 mit 58,9 Millionen Euro tiefrot -, sucht die Bahn-Führung nach einem Sparkurs.

Die von Unternehmensberater Roland Berger aufgespürten Verbesserungspotenziale und Restrukturierungsmaßnahmen bieten wohl mögliche radikale Ansätze, sind für die Finanzen des Gesamtkonzerns allerdings nicht ungefährlich. Die von RCA-Management und ÖVP-Verkehrssprecher Ferdinand Meier gleichermaßen geforderte kostenmäßig gerechtere Aufteilung von Lokomotiven und Lokführern auf Personen- und Güterverkehr zum Beispiel bei gleichzeitigem Personalabbau etwa würde wohl die RCA entlasten, die Lok-Auslastung aber radikal senken - und damit die Kosten letztlich erhöhen. Die Senkung der Schienenmaut für die RCA wiederum würde die Bilanz der der ÖBB-Bau AG aus dem Lot bringen, weil Einnahmen wegbrächen.

Politisch problematisch ist der empfohlene Rückzug aus der Fläche, also die Schließung von 54 Nebenbahnen. Außerdem fehle damit der Zulieferverkehr für die RCA, der Schienentransport würde dezimiert. Auf massiven Widerstand im Ministerium stößt unterdessen die von der RCA im Aufsichtsrat präsentierte Verlagerung des Bahn-Express-Geschäfts (Bex, Stückgut) im Hauptlauf von den Güterterminals St. Michael und Graz-Werndorf auf Lkw. Das würde den Modal Split dezimieren - den Verkehrsministerin Doris Bures auf 30 Prozent erhöhen will. Dieser ist die Legitimation für den Milliardenbahnausbau. "Die Bahn ist auf der Schiene nicht konkurrenzfähig und auf der Straße auch nicht" , sagt ein ÖBB-Manager, der die Durchschnittskosten für tausend Tonnenkilometer mit 75 Euro beziffert. Der Lkw-Transport koste aber nur 35 Euro.

Laut Roland Berger droht ohne Sanierung eine weitere massive Abwertung des Konzernvermögens (2008 verursachten Abschreibungen fast die Hälfte des EGT-Verlustes von 969 Mio. Euro). Im Personenverkehr klafft zwischen dem Ziel-Ebit für 2011 (131 Mio. Euro) und dem Ist-Zustand eine "Lücke" von gut 50 Mio. Euro. Beim Güterverkehr sind es 170 Mio. und 3800 Mitarbeiter. In der Infrastruktur fehlen 21 Mio. Euro, um das Ziel-Ebit (617 Mio. Euro) zu erreichen. Dringend zusammengestrichen gehört demnach das Milliardenbahnausbauprogramm. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.9.2009)