"Ich habe im früheren Leben viel Spaß gehabt, auch im Beruf. Das hat sich aufgehört. Zum LAchen gibt's da nichts": Siemens-Generaldirektorin Brigitte Ederer hält die Einsamkeit an der Spitze für ein Klischee.

Foto: Robert Newald

STANDARD: Fühlen Sie sich noch als Sozialdemokratin?

Ederer: Ja. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich das jemals ändert.

STANDARD: Kann man das als Chefin eines kapitalistischen Konzerns denn bleiben?

Ederer: Sicher. Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität prägen nach wie vor mein Weltbild.

STANDARD: Als Konzerndirektorin müssen Sie aber Gewinne maximieren - und dafür auch Leute rauswerfen.

Ederer: Ich kenne kaum jemanden, der das System noch in Frage stellt - beim Zusammenbruch des Ostblocks gab es eine eindeutige Entscheidung. Auch als Sozialdemokrat kann man sich in kapitalistischen Strukturen zurechtfinden. Dazu gehört: Wenn schmerzhafte Entscheidungen anstehen, um ein Unternehmen abzusichern, kann ich nicht einfach wegschauen.

STANDARD: Warum will Siemens 600 Mitarbeiter der Softwaresparte kündigen, obwohl diese profitabel war?

Ederer: Weil der einzige Kunde Siemens selbst war. Mit dem Verkauf der Festnetztelefonie und der Verschränkung der Handyproduktion mit Nokia ist dieser Markt weggebrochen. Und neue Kunden sind schwer zu finden. Die großen Firmen fragen direkt in Indien nach.

STANDARD: Geht's nicht darum, dass auch Siemens Software lieber billiger in Indien entwickeln lässt?

Ederer: Nein. Siemens-Software in Indien baut leider auch 400 Leute ab. Aber unabhängig davon ist klar: Gewisse Produktionen werden in Billiglohnländer gehen - es sei denn, der Transport der Güter wird so teuer, dass es sich hier wieder rechnet. Kein Konsument kauft ein Hemd aus Österreich, wenn er dafür das Dreifache zahlt.

STANDARD: Wo sollen die Österreicher einmal arbeiten, wenn immer mehr Arbeitsplätze abwandern?

Ederer: In Jobs, die dank Hightech und Innovationen entstehen, etwa in der Umwelttechnologie. Da haben wir weltweit die Nase vorne.

STANDARD: Nicht jeder ist für einen hochqualifizierten Topjob geeignet.

Ederer: Aber viele Menschen haben Talente, die gezielter gefördert werden müssen. Nur leider stammt unser Schulsystem im wahrsten Sinne des Wortes aus dem letzten Jahrtausend und zwingt zehnjährigen Kindern eine Entscheidung über ihre schulische Laufbahn auf. In Österreich gibt es sehr beharrende Kräfte, die diese Notwendigkeiten aus den Augen verloren haben.

STANDARD: Zählen Sie dazu auch die Regierung, die derzeit viel Geld in die altmodischen Branchen pumpt?

Ederer: Nein, es war notwendig, die Konjunktur kurzfristig zu stabilisieren, da äußere ich nicht den Hauch einer Kritik. Wenn es lichterloh brennt, darf man nicht diskutieren, aus welchem Material die Schläuche sein sollen. Und es war ordentlich Feuer am Dach. Diese Regierung agiert pragmatisch, ihre Arbeit ist ansehnlich.

STANDARD: Muss der Staat Firmen wie Opel helfen, die als "too big too fail" gelten?

Ederer: Ich bin zu sehr Ex-Politikerin, um da nein zu sagen. Man kann nicht verlangen, ein Unternehmen mit zehntausenden Leuten im Stich zu lassen. Da könnte man genauso gut von einem Hund fordern, ein Knackwurstlager anzulegen.

STANDARD: Ist das Feuer denn wirklich gelöscht?

Ederer: Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich schon an der ganz großen Krise vorbeigeschrammt sind, die steigende Arbeitslosigkeit macht mir Sorgen. Und noch etwas stimmt mich pessimistisch: Die Welt hat offenbar nichts aus der Krise gelernt.

STANDARD: Was sollte die Welt denn lernen?

Ederer: Dass man von einem System nicht verlangen kann, sich selbst zu regulieren. Bis in die 70er gab es ja starke Regulierungen, damals verdienten Banker nicht mehr als Ingenieure. Dann wurde ein riesiges Monopolyspiel eröffnet, das immer schneller ablief, bis viele den Boden unter den Füßen verloren. Ich verstehe nicht, warum die Politik keine weltweiten Gegenmaßnahmen schafft. Kontrolle der Hedgefonds, Beschränkung der Manager-Boni, eine Transaktionssteuer, um das System zu bremsen - da geht nicht viel weiter. Ich sehe weit und breit niemanden, der das entschlossen in die Hand nimmt.

STANDARD: Verdienen Banker und Manager zu viel?

Ederer: Es gibt gewisse Summen, die nicht mehr zu erklären sind. Vor allem, wenn man das katastrophale Ergebnis kennt. Banken wie Lehman in Konkurs zu führen, hätten Manager ohne Boni auch geschafft.

STANDARD: Siemens-Chef Peter Löscher zum Beispiel verdient im Jahr 9,8 Millionen.

Ederer: Siemens ist aber ein reales Unternehmen, das Geld mit Produkten und Dienstleistungen verdient - und nicht mit Spekulation.

STANDARD: Letzteres tun große Konzerne aber schon auch.

Ederer: Nicht in meinem Bereich. Darüber hinaus kann ich das schwer beurteilen.

STANDARD: Sie gehören auch zu den Besserverdienern. Würden Sie einen Solidarbeitrag leisten?

Ederer: Natürlich müssen auch die Eliten einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten, und zwar nicht nur symbolisch. Man sollte dort ansetzen, wo Einkommen nicht unmittelbar aus Arbeit resultiert. Wer ein Haus im Niemandsland besitzt, wo ihm eine U-Bahn vor die Tür gebaut wird, profitiert von einer Wertsteigerung, zu der er nichts beigetragen hat. Auf alle Fälle bin ich deshalb dafür, Vermögenszuwachs zu besteuern. Auch die Generation der Erben sollte nicht ausgenommen werden. In ein, zwei Jahren werden Finanzminister da noch viel Kreativität entwickeln.

STANDARD: Unser Finanzminister verspricht: Wenn wir nur genug sparen, brauchen wir keine neuen Steuern.

Ederer: Sparen sollen wir schon auch. Aber um zum Beispiel ein herzeigbares Bildungsystem aufzubauen, müssen wir investieren. Ich bin dagegen, Bildung oder Gesundheit privaten Anbietern zu überlassen. Für mich war es noch kein Nachteil, dass ich die Schule in der Franklinstraße in Floridsdorf besucht habe. Wenn nun nichts geschieht, wird sich das ändern und eben derjenige den Job kriegen, der vom Lycée kommt.

STANDARD: Die meisten Manager sagen: Steuern runter.

Ederer: Das halte ich für kurzsichtig. Als Konzernchefin habe ich Interesse, dass in Infrastruktur investiert wird - und dazu braucht die öffentliche Hand Geld. Sie sehen: Ich bin eben doch Sozialdemokratin geblieben.

STANDARD: Hat Sie der Job als Generaldirektorin denn überhaupt nicht verändert?

Ederer: Doch. Die Hetz ist vorbei. Ich habe im früheren Leben viel Spaß gehabt, auch im Beruf. Der hat sich aufgehört. Zum Lachen gibt's da nichts, schon gar nicht in Zeiten wie diesen.

STANDARD: Das klingt ja fast traurig.

Ederer: Traurig bin ich nicht, eher einsam. Am Ende des Tages muss man Entscheidungen treffen, die Linie halten, da darf man nicht ewig mit sich selbst diskutieren. Man wird härter, sich selbst und anderen gegenüber. Gutmütig zuschauen, wie ich das früher oft getan habe, geht nicht.

STANDARD: Wie lange werden Sie das dann noch machen?

Ederer: Hören Sie, junger Mann, ich bin erst 53!

STANDARD: Sie könnten ja aussteigen und ganz was anderes anfangen.

Ederer: Haben Sie einen guten Vorschlag?

STANDARD: Sie als Fußball-Fan: Austria-Präsidentin?

Ederer: Ob das viel lustiger ist? Präsidentin von Barcelona - das würd' ich sofort werden. Aber im Ernst: Ich könnte mir gar nicht vorstellen, was anderes zu machen, dazu spüre ich zu viel Verantwortung. Doch mir ist klar, dass alles nur geborgt ist. Ich bilde mir nicht ein, dass viele, wenn ich in Pension gehe, sagen: "Jössas, schade um die Ederer."

STANDARD: Studieren Sie immer noch alte Zeitungen?

Ederer: Ja, bei der Zeit bin ich gerade im Jahr 2005. Der Reiz ist, Texte mit dem Wissen von heute zu lesen. Erst gestern las ich in einem 14 Tage alten Handelsblatt die Einschätzung, dass Opel nie an Magna gehen werde - eingetreten ist das Gegenteil. Da ich gerade einem Journalisten gegenübersitze, muss ich sagen: Das bereitet mir eine gewisse Schadenfreude.(Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 19./20. September 2009)