Bild nicht mehr verfügbar.

Die Wogen am Milchmarkt glätten sich nicht. Die Bauern fordern ein Krisentreffen mit der EU-Kommission.

Foto: AP/Winfried Rothermel

Berliner Milchgipfel wird von europaweiten Protesten der Bauern überschattet.

***

Wien - Es war ein Wochenende der Milchseen. Deutsche und französische Bauern blockierten die Europabrücke zwischen Straßburg und Kehl, leerten zwei Liter Milch symbolisch in den Rhein und tonnenweise auf ein umliegendes Feld. In der Schweiz legten hundert Landwirte eine der größten Molkereien ihres Landes lahm, indem sie mit Traktoren den Zugang versperrten.

Ihre österreichischen Mitstreiter beließen es vorerst beim Verschenken von Milch. So geschehen bei einer Mahnfahrt von 200 Landwirten auf den Salzburger Gaisberg. In Kärnten machten am Montag hundert Bauern ihren Unmut über die niedrigen Preise Luft und brachten den Verkehr in Klagenfurt vereinzelt zum Stocken. Die anhaltenden Proteste überschatten das jährliche Treffen der internationalen Milchbranche in Berlin. Seit Montag diskutieren dort Beamte, Molkereivertreter und Wissenschafter aus aller Welt über die Krise.

Kritiker monierten, dass auf dem Gipfel überwiegend die Befürworter einer weiteren Liberalisierung des Marktes vertreten seien. Europas Milchwirtschaft ist bisher über Quotensysteme reglementiert. Die Milchpreise liegen im Keller, denn Europa übt sich trotz des geringeren Bedarfs in Überproduktion.

In Bayern empfingen 500 Bauern die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor Wahlkampfauftritten mit Kuhglocken, Buhrufen und Pfiffen. Sie versprach, für vernünftige Preise zu kämpfen, forderte die Branche jedoch auf, an einem Strang zu ziehen. Sonst wüssten Politiker nicht, was sie in Brüssel vorbringen sollten. Österreichs offizielle Agrarvertreter distanzieren sich nach wie vor von den Protesten und Streiks.

Unerwartet Rückendeckung erhielten die Milchbauern von Kanzler Werner Faymann. Nach einem Gespräch mit Branchenvertretern räumte er ein, dass viele Landwirte von einem Preis von 25 Cent pro Liter nicht leben könnten und sicherte Unterstützung zu. Ziel müsse sein, die Milchmengen zu reduzieren und eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel einzuführen. Faymann will die Vorschläge in der Regierung besprechen.

Ein Ende der Demonstrationen in Europa ist nicht in Sicht. Allein in Frankreich soll sich nach Angaben der Gewerkschaft jeder zweite Bauer an den Aktionen beteiligt haben. Man werde nicht aufgeben, so der Tenor. Erste juristische Nachspiele gibt es bereits: Im deutschen Eisleben soll die vor einem Kloster verschüttete Milch ein Fischsterben ausgelöst haben. Eine Tonne tote Fische wurden aus dem Teich geborgen. Eine Bäuerin wiederum will CSU-Politiker Alois Karl klagen. Er hatte sie geohrfeigt, nachdem sie ihn bei einer Kirchweih mit Milch übergossen hatte. (vk, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.9.2009)