Foto: DER STANDARD/Fischer
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Am vergangenen Freitag bekam Franz Schuh im Rahmen des Philosophicum Lech den heuer erstmals ausgeschriebenen Tractatus-Preis verliehen. Der Preis wurde geschaffen, um "herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsprosa oder philosophischen Essayistik zu würdigen". Schuh sei ein herausragender Empfänger, befand die Schweizer Philosophin Ursula Pia Jauch, ein Mitglied der dreiköpfigen internationalen Jury, in ihrer Laudatio und konnte nicht umhin, ihm trotz eines gut begründeten Vorbehalts gegen Lob Selbiges "im Rahmen des Schicklichen" zu spenden.

Schuhs Dankesrede war eine weitere Probe des von ihm seit vielen Jahren statuierten Exempels. Wie in seinem neuen Buch, Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst, sprach er über die Lust und die Last, gegen den Strich zu denken - auch gegen den Strich des kulturellen Marktes. Seine Erinnerungen an den Philosophen Günter Anders, seine Hochachtung vor ihm verband er mit einer Kritik an der Versöhnlichkeit Adornos angesichts eines Nazi-Karrieristen. Im Ernstfall unversöhnlich zu bleiben hat Schuh bisher viel gekostet; zugleich ist es ihm viel wert geblieben. Das folgende Gespräch fand am Rand der Verleihung statt.

Standard: Erstmalig wurde der mit 25.000 Euro dotierte Tractatus-Preis auf dem Philosophicum Lech verliehen, und er ging an Sie. Wie, glauben Sie, ist die Tatsache zu bewerten, dass in Österreich ein anonymer Mäzen bereit ist, diese Summe für Essayistik zur Verfügung zu stellen und eine kompetente Jury dafür aufzustellen?

Franz Schuh: Es ist in the long run die einzige Möglichkeit. So wie bei manchen Menschen Vorsätze ihren Weg pflastern, müssen bei manchen schriftstellerischen Karrieren Preise den Weg pflastern, sonst ist die Weiterarbeit unmöglich. Das heißt nicht, dass man exklusiv von Preisen lebt. Aber der ökonomische Schwung, der es einem Menschen ermöglicht, in seinem Sinne weiterzumachen, ist unverzichtbar. Das gilt vor allem bei zwei Gattungen: bei der Lyrik und bei der Essayistik. Mit letzterer kann man, wenn man darauf aus ist, ziemlich viel Geld machen. Die Essayistik aber, mit der man Geld macht, delegiert den inneren Kern der Gattung ans Geldmachen. Das halte ich zwar auch für eine Möglichkeit. Aber überall, wo man das nicht will, wo auch der unbezahlbare Hochmut des Abhandelns, eben des Traktates, vorherrscht, ist die Hilfe von Menschen, die sich sagen: ich kann es mir leisten, notwendig.

Standard: Sie erzählen in dem Buch, für den Sie in erster Linie den Preis bekommen haben, Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst", einen Ihrer Lieblingswitze, den Dialog: "Wie geht's Ihnen?" - "Schlecht, ich kann nicht klagen." Können Sie klagen?
Schuh: Ich versuche es immer wieder, auch weil die Klage eine Form ist, und das ist schon mehr als formloses Gerede. Zweitens habe ich etwas Avantgardistisches in mir, zum Beispiel das Gebot: peinlich werden! Die Leute sollen, wenn sie etwas hören, es auch spüren. Jammern und Klagen räumt es einem ein, andere, die ja ebenfalls leiden, in diesem Leid rhetorisch zu übertrumpfen. Und das hat niemand gern.

Standard: Können Sie also klagen? Es ist Ihnen hier und jetzt in Österreich möglich?

Schuh: Dafür verwende ich die Formel eines berühmten Schweizers: Es sei wichtig, dass man einen Pass hat, um ausreisen zu können, und dass der Pass überall anerkannt wird. Nicht gerade, dass einem der österreichische überall die Grenzen öffnet, aber man kommt damit durch. Also bin ich Patriot. Allerdings gehöre ich zu einer Generation, die viel eingeklagt und relativ wenig erreicht hat. In immerwährender Aktualität rotieren dieselben Themen. Zum Beispiel Martin Graf: Über ihn gibt es nichts zu sagen, außer dass er immer schon da war.

Standard: Aber doch nicht in der sehr hohen Spielart des dritten Nationalratspräsidenten.

Schuh: Das wird immer hinzugefügt: noch nicht in dieser Qualität. Ich bestreite das, weil alles, was zu dieser Qualität geführt hat, im Prinzip immer schon gewirkt hat. Ich erinnere mich an meinen verstorbenen Freund Helmut Zenker, der rechtsextreme Mentalitäten, für die es keine politische Realität gab, psychologisch gezeichnet hat. Politisch welkten die Typen dahin, psychologisch blühten sie auf. Zenkers Zeichnungen kann man über das Podest des Parlaments legen, und man wird sehen: Da gibt's Deckungsgleichheiten.

Standard: Sie schreiben, dass Sie sich vom Raunzen emporgearbeitet haben. Zu welchem Stand heute?

Schuh: Sie interessieren sich fürs Emporarbeiten, ich mich fürs Raunzen. Raunzen ist die aggressive Form von Selbstmitleid; es ist seltsam ambivalent. Denn es ist eine Form des Widerstandes, die das nicht Einverstandensein als Ohnmacht zelebriert. Darauf beruht wesentlich die Wirkung der Kronen Zeitung. Das hat vor Jahren der Schriftsteller Michael Springer analysiert: dieses dauernde Aufreiben und nie Hinhauen. So arbeitete die Zeitung, bevor sie selber zur Partei wurde und nun Wahlkämpfe nach Belieben startet oder einstellt. Das haut jetzt hin.
Ich glaube übrigens nicht, dass die Kritik Recht hat, die am Raunzen den Infantilismus angreift. Ich gehöre zu der fröhlichen Gemeinde, die infantiles Gehabe unter bestimmten Umständen für die richtige und einzige Widerspiegelung erwachsener Verhältnisse hält.

Standard: Sie nennen in diesem Zusammenhang die Simpsons.

Schuh: Und Witold Gombrowicz, den Apostel der Unreife. Man soll nicht über Strategien des Erwachsenwerdens die kindliche Widerstandskraft und den Zerrspiegel der Infantilität vergessen. Unter lauter Erwachsenen - nehmen wir ihren scheinbaren Inbegriff: - unter lauter Professoren ist das Happening-Talent des Kindlichen angebracht.

Standard: Sie nennen auch Donald Duck, der ein kindlich Rebellierender unter lauter erwachsenen Entenhausener Bürgern geblieben ist. Was auch eine produktive Kraft hat.

Schuh: Er hat das Talent - und das ist bei einer Ente wahrlich gut gesagt -, niemals Fuß zu fassen. Dadurch ist er in ständiger Bewegung. Aber bevor wir Donald idealisieren, möchte ich doch erwähnen, dass er ein Abhängiger bleibt. Er hat einen Widerpart, der auch abhängig ist, nämlich von seinem Glück. Doch da der glückliche Gustav in der Tat dauernd und zuverlässig Glück hat, hebt sich seine Abhängigkeit davon auf. Es ist sein Dauerzustand.

Standard: Es fließt ihm ja zu.

Schuh: Er hat den Scheck auf Dauerbefreiung. Donald andererseits muss immer antreten, wenn Dagobert es wünscht. Also kurz, er ist einer von uns.

Standard: Das macht aber die Geschichten interessant, dass er eben nicht immer den Kürzeren zieht, sondern auch mal triumphieren kann.

Schuh: Richtig. Nur ist Donald eine Figur - und wir müssen aufpassen, dass wir nicht auch so eine werden -, die, wenn sie gewinnt, auch immer verliert. Der Triumph über seinen Sieg ist schon die nächste Falle, die ihm eine furchtbare Niederlage bescheren wird....

Standard: ... im nächsten Heft. Sie bezeichnen sich als Anhänger dieser Lektüre, und Sie bekennen sich auch zu Trash in Druck und Fernsehen. Manche Sachen seien Ihnen "zu intelligent" - Sie meinen das ganz ohne Ironie -, da bleiben Sie lieber an der "radikalen Oberfläche" (ein scheinbarer Widerspruch in sich).

Schuh: Wenn man sich, der Not und der Neigung folgend, viele Jahre mit Adorno auseinander gesetzt hat oder mit Hermann Broch ("Der Kitsch ist das Böse in der Kunst"), stellt sich die Frage, ob die Massenkultur nicht genau das ist, was man in der Politik ablehnt, nämlich Populismus. Aber immer, wenn dieses Bedenken mir einzuleuchten beginnt, fällt mir ein, dass es im größten Trash Figuren auftauchen, denen etwas Welterklärerisches nicht fremd ist.

Standard: Zum Beispiel?

Schuh: Ein Beispiel wäre der Schwager von J.R. in Dallas: Er scheitert immer, aber wirft sich stets zu neuen Intrigen auf. Und er scheitert wieder. Ich hab das teilweise vergessen, ich weiß nicht mehr, wer das genau ist, ....

Standard: Aber die Wirkung ist noch da wie das Lächeln der Cheshire-Katze.

Schuh: So ist es. Es bleibt die merkwürdige Besessenheit. Durch die Endlosschleifen in manchen TV-Serien kriegen die Intriganten in ihrer trashigen Angepasstheit etwas seltsam Fremdes und sogar Künstlich-Künstlerisches. Liest man hochliterarische Werke wie Canettis Blendung oder zum Beispiel, ein großartiges Buch, Das stille Haus von Orhan Pamuk: dann sieht man die Besessenheit der Leute, die immer dasselbe machen, deren Existenz sich in Wiederholungen verliert. Und das zeigt Trash auch gut.

Standard: Er lebt von der Wiederholung.

Schuh: In diesem Punkt gibt es eine Berührungsebene von der Machart her. Da ist etwas drin, das die Macher vielleicht gar nicht wollen, aber sich selbst nicht dabei hindern können, es hervorzubringen.

Standard: Ich glaube, es würde mir schwer fallen zu sagen: Das liest Schuh gern, das liest er nicht gern, weil Sie immer überraschende Volten präsentieren in dem, wo Ihre Präferenzen liegen. An einer Stelle sagen Sie in Ihrem neuen Buch: Das Feuilleton muss den Charakter der Ausnahmeerscheinung behalten, um gut zu sein. Gibt es Feuilletons, die Sie gerne und mit einer gewissen Regelmäßigkeit lesen?

Schuh: Es gibt Versuche von durchaus ehrenwerten Kollegen, die österreichische Arbeitsplätze besetzen, in ihren Zeitungen das deutsche Feuilleton abzuwerten. Es gebe dort vor allem eine kastenartige Verschworenheit. Ich halte das für falsch. Und was Sie gerade zitiert haben, die Ausnahmesituation: Das ist im Zusammenhang mit innerredaktionellen Konflikten in einer Zeitung zu sehen, in der die Feuilletonisten mit Recht oder Unrecht gerne als "Selbstverwirklicher" denunziert werden; sie sind doch Leute, die im Ernst schreiben, was sie empfinden. Und das muss jedem Chefredakteur - es sei denn, er ist ein Schöngeist, und dann Gnade dem Feuilleton! - natürlich furchtbar ankommen. Daher steckt im Feuilleton etwas, das der Journalismus grundsätzlich nicht erlaubt, nämlich: der freie Schriftsteller als Zeitungsangestellter. Das kann nicht konfliktfrei abgehen.

Standard: Wie kommt es Ihnen vor, jetzt und hier interviewt zu werden? Ist es nach den langen und intensiven Selbst-Interviews im Buch eine komische Sache, eine lästige Pflichtübung?

Schuh: Ich spreche gerne. Und zwar - aus meiner Sicht - nicht, um mich reden zu hören, sondern weil ich der Leidenschaft anhänge, beim Reden Gedanken zu verfertigen. Das Sprechen erzwingt und ermöglicht eine Unmittelbarkeit des Denkens, die das Schreiben in der Form nicht kennt. Transkribierte Interviews schließlich bewahren etwas von der gesprochenen Sprache, und dennoch disziplinieren sie das Gesagte nach den Regeln der Schriftsprache.

Standard: Also mit dem Ritual können Sie leben? Auch wenn Sie zum Beispiel in Interviews gesiezt werden, obwohl Sie mit dem Fragesteller per du sind? Zeitungsmacher insistieren ja oft auf der Sie-Form, weil sonst beim Leser das Gefühl der Kumpelhaftigkeit entsteht.

Schuh: Sartre und Beauvoir haben einander immer gesiezt, und man kann sagen, sie haben einander ihr Leben lang ständig interviewt. Aber natürlich auf dem Niveau eines anderen Größenverhältnisses. (lacht)

Standard: Sie schreiben in den Memoiren verschiedentlich, Sie möchten kein Intellektueller sein, auch kein Vordenker, und man könne stolz sein, dass man niemand ist - ein "ausbaufähige Position". Und dann steht: "Ich bin (k)eine Kämpfernatur". Wie ist das alles zu verstehen?

Schuh: In meinem Verständnis gibt es so was wie Intellektuelle nicht. Es gibt Leute, die eine Intellektuellen-Funktion ausüben, die darin besteht, Institutionen des Staates und der Gesellschaft mit überspitzten Widersprüchen zu begleiten. Das kann in meiner zur Volksherrschaft neigenden Denkweise jeder, der sich über das, was er in der Gesellschaft tut, äußert oder der sich darüber hinaus äußern möchte.

Standard: Also ein Molekularbiologe, eine Schriftstellerin, ein Volksschullehrer ....

Schuh: Alle. Die Intellektuellenfunktion, die zu stark personalisiert wird, wird zur Modeschau. So eine Schau hat ja auch etwas Schönes, und ist Enzensberger nicht
wunderbar ....

Standard: Und das schon seit 50 Jahren!

Schuh: .... und ist er nicht gerade mit einem großartigen Preis bedacht worden? Diese ausgezeichneten Menschen sind im Prinzip, so sehr ihre Arbeit zu schätzen ist, wie Leistungssportler, die einen dazu bringen, dass man fett vorm Fernseher sitzt und zuschaut, ....

Standard: ... wie schlank andere Rekorde laufen. Aber wie ist das jetzt mit Ihrer Kämpfernatur?

Schuh: Ich glaube, dass Kämpfernaturen, also Leute, die nicht buddhistisch in sich ruhen, beide Seiten haben, die der Schwäche und die der Stärke. Manchmal kämpfen sie mit ihrer Schwäche oder aus Schwäche, ein andermal, weil sie stark genug sind, einen Kampf zu führen. Aber das Wort "Kampf" sollte man vorsichtig gebrauchen, weil es heroische Assoziationen weckt, die in manchen Lebenssituationen nichts als übertrieben sind. Ideal für Wichtigmacher.

(Michael Freund, Langfassung des Interviews in DER STANDARD/Printausgabe, 22.09.2009)