Immer größere Burger: mehr Fleisch, mehr Brot, viel mehr Kalorien.

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Marion Nestle ist Professorin für Ernährung und Gesundheitswesen und Soziologin an der new York University. Sie studierte Molekularbiologie, forschte an der medizinischen Fakultät der UCSF und war Ernährungsberaterin des US-Gesundheitsministeriums. Nestle ist Autorin zahlreicher Bücher, unter ihnen das Standardwerk Food Politics (2002), Safe Food (2003), und What to Eat (2006). Ihre Blogs sind nachzulesen unter food.politics und food.theatlantic

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Der Mensch ist angeblich, was er isst. Wenn dieser Satz gilt, dann ist der Mensch heute ein immer häufiger an Zivilisationskrankheiten leidendes Wesen, das mit seiner Nahrungsaufnahme dem Körper zu viel zumutet, die Umwelt belastet, Monokulturen fördert und sich insgesamt, fremdgesteuert, in eine Sackgasse hineinmanövriert, aus der nur eine radikale Umkehr eine Lösung verspricht.

Big Food

Wissen wir noch, was, wie viel wir wovon essen und warum? Nein, sagen Experten und warnen vor einem "agropolitisch-industriellen Komplex", vor "Big Food". In den USA wird diese Entwicklung als besonders drastisch wahrgenommen und mittlerweile auch entsprechend radikal analysiert.

Fast Food

Autor Eric Schlosser (Fast Food Gesellschaft - Fette Gewinne, faules System) warnte vor dem Überhandnehmen der Schnellimbissketten und vor ihrem ökonomischen Modell, das ihm zufolge sowohl die Serviceindustrie ("McJobs") wie die Konsumenten schädigt.

Michael Pollan trat als Autor mehrerer Bücher und vieler Artikel hervor, in denen er die Folgen der immer konzentrierteren Industrialisierung aufzeigte. Vor kurzem erschien auf Deutsch Lebens-Mittel: Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn., auf den sich auch der Dokumentarfilm "Food, Inc." bezieht.

Food Politics

Marion Nestle schließlich hat dem Unbehagen an Big Food eine engagiert wissenschaftliche Basis gegeben. Die Ernährungsexpertin und zeitweilige Regierungsberaterin forscht seit mehreren Jahrzehnten im Grenzgebiet zwischen Ernährung, (Gesundheits-)Politik und den Interessen der Industrie. Sie bilden einen scheinbar unentwirrbaren gordischen Knoten, der - wie seine Opfer - immer dicker wird.

Mit Food Politics hat Nestle einen Weg aufgezeigt, wie durch mutige Politik dieser Knoten durchtrennt werden könnte. Auf 450 Seiten analysiert sie die Diskrepanz zwischen fundierter Essberatung und Marketingstrategien; sie untersucht die Fehlentwicklungen an Schulen und die Versprechungen von Techno-Food. Vor kurzem ergänzte sie ihre bisherigen Arbeiten um Pet Food Politics und wies nach, dass der negative Kreislauf auch für Tiernahrung gilt.

Im folgenden Gespräch bezieht sich Marion Nestle vor allem auf die Situation in den Vereinigten Staaten, die allgemeinen Tendenzen sind aber auch weltweit, insbesondere in Europa, zu verfolgen.

Standard: Was wir essen, ist Ihnen zufolge eine persönliche ebenso wie eine soziale Entscheidung. Wie ist das zu verstehen?

Nestle: Man kann nur entscheiden, wenn es etwas zu wählen gibt. Da die persönliche Verantwortung sich in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich geändert haben dürfte, ist etwas anderes zum Beispiel für das immer häufigere Übergewicht verantwortlich - das Umfeld ist offenbar ein anderes geworden. Die öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Ministerien, Gesundheitsbehörden fühlen sich nicht für das Essverhalten der Bürger zuständig. Sie haben ein Vakuum hinterlassen, das die Marketingexperten der Nahrungsmittelindustrie nur zu gerne füllen. Von ihnen lernen die Leute ein Verhalten, das mit Gesundheit sehr wenig zu tun hat.

Standard: Experten sind sich darüber einig, dass das Gesundheitswesen und seine Reform eng mit unserem Essen und dessen Produktion verbunden ist. Doch darüber hört man wenig, auch nicht in der laufenden Debatte in den USA, in der es immer nur um die Kosten, fast nie um die Prävention geht. Wird sich daran etwas ändern?

Nestle: Es ist noch zu früh für ein Urteil, aber die meisten von uns, die mit dem Thema befasst sind, haben Hoffnung. Obama hat ja neben Essen noch vieles andere auf seinem Teller. Bisher hat es um die Bundesinitiativen in Sachen Prävention viel Gerede gegeben und wenig Taten. Auch der Kongress scheint unwillig zu sein, unser Ernährungsproblem mutig anzugehen.

Standard: Eines der auffälligsten Phänomene nicht nur in den USA ist das von Ihnen angesprochene Übergewicht. Kürzlich war von einer Reaktion zu lesen: dass "Fat Studies"-Befürworter sich diskriminiert fühlen und davon ausgehen, dass Gewicht biologisch bestimmt ist. Wie sehen Sie das?

Nestle: Ich habe Verständnis dafür, dass Übergewichtige sich über Diskriminierung ärgern, vor allem wenn sie keine Risikofaktoren haben und fit sind. Andererseits steht außer Frage, dass Übergewicht das Risiko von Herzkrankheiten, Schlaganfall und Typ-2-Diabetes erhöht. Zwar ist im letzten Fall die Prozentzahl, die gegen Insulin resistent wird, gering, doch sie wächst, gerade unter Kindern.

Standard: Amerikanische Nahrungsmittelproduzenten investieren geschätzte 55 Milliarden Dollar jährlich im Ausland, in Verarbeitung und Vermarktung. Wohin wird das führen?

Nestle: In den USA gibt es heute pro erwachsenem Einwohner und Tag fast 4000 Kalorien Nahrung (seit den 1970er-Jahren ist eine Zunahme von fast 200 Kalorien pro Dekade festzustellen; Anm.). Da die Menge an Nahrungsmitteln, die im Inland verkauft werden kann, an eine Grenze stößt, sind unsere Unternehmen natürlich daran interessiert, zu exportieren bzw. im Ausland zu produzieren.

Standard: Sie waren Beraterin für Ernährungspolitik für das Gesundheitsministerium und haben über die Erfahrungen geschrieben, die Sie mit den "veggie libel laws" gemacht haben - Verleumdungsparagrafen, mit denen sich die Erzeuger massiv gegen jede Kritik und Einschränkung wehren. Was bedeuten diese Gesetze für die öffentliche Debatte?

Nestle: Ich habe mit ihnen kaum mehr zu tun gehabt, seit sich Oprah Winfrey gegen die texanischen Rinderzüchter wehren musste. (Sie entsetzte sich in ihrer TV-Show über die Folgen des Rinderwahns für Fleischspeisen; sie gewann den Prozess, er kostete sie aber eine Million Dollar; Anm.) Die meisten Anwälte sagen, dass man diese Gesetze vor Gericht zu Fall bringen könnte - aber ich möchte nicht diejenige sein, die das durchzieht.

Standard: In einigen Ihrer Bücher geben Sie allgemein verständliche Empfehlungen ab: Esst weniger; hauptsächlich pflanzliche Nahrung; bewegt euch mehr. Warum fällt es den Leuten, die nach Lösungen suchen, so schwer, auf den gesunden Menschenverstand zu hören?

Nestle: Die Marketingstrategien haben eben einen enormen Einfluss auf die persönlichen Essentscheidungen. Wenn Leute nicht merken, dass größere Portionen dazu führen, dass man mehr isst, dann können sie nicht vernünftig essen - und die Portionen fast aller Speisen sind in den letzten Jahrzehnten signifikant größer geworden. Es braucht mehr als nur Erziehungsmaßnahmen, um das Essverhalten zu verändern. Man muss das Umfeld verändern, und das ist viel schwieriger.

Standard: Was haben Sie kürzlich Gutes gegessen?

Nestle: Das war ein Dinner unlängst im Babbo (einem Restaurant in New York; Anm.), in dem wir meinen TV-Auftritt im Colbert Report feierten, bei dem es um Protektionismus und die Zuckerindustrie ging. Wir bekamen viele kleine Gerichte mit Gruß aus der Küche. Es war großartiges italienisches Essen, ich zehre jetzt noch davon. (Michael Freund, DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2009)