Im lockeren Rahmen lässt sich vortrefflich philosophieren. So geschehen am Montagabend im Zigarrenklub der PR-Agentur Pleon Publico, die zum Herbstauftakt, Semesterbeginn quasi, Wissenschaftsminister Johannes „Gio" Hahn (ÖVP) zum Bildungs-Vortrag lud.
Seine Visionen hatten es in sich, und haben, wie Hahn selbst zugab, noch Diskussionsbedarf.

So möchte Hahn bis 2020, dass jeder zweite Bachelor in die Arbeitswelt einsteigt, und, falls der Wissenstand nicht ausreichend ist, den Master berufsbegleitend macht. Warum? 90 Prozent der Studierenden studieren laut Untersuchungen, um danach in den Beruf einzusteigen, nur zehn Prozent verschreiben sich der Forschung. Derzeit sind es lediglich 13 Prozent der Bachelor-Absolventen, die nach der Uni oder FH direkt arbeiten gehen.

Der Bachelor soll einen schnelleren, aber hoch qualifizierten Berufseinstieg nach dem Studium ermöglichen. In der Arbeitswelt hat sich das aber nicht durchgesetzt. Teilweise zählt ein BHS-Abschluss noch immer mehr als der Bachelor-Abschluss an Uni und FH.

Kritik an Umsetzung von Bologna-Kriterien

Apropos Schul- und postsekundärer Abschluss: Hahn fühlt sich angesichts der Education at a Glance-Studien und anderer internationaler Erhebungen, ungerecht behandelt und zieht „wie eine tibetanische Gebetsmühle durch die Lande" um aufzuklären: Regelmäßig werde der geringe Anteil von Akademikern in Österreich kritisiert. Was aber nicht dazugezählt werde, seien Abschlüsse an Pädagogischen Akademien und andere Berufsabschlüsse, die in anderen Ländern im tertiären Bildungssystem zu erlangen sind. Die Rechnung ergibt dann, dass Österreich nach Japan, Irland und Australien an vierter Stelle ist, was die hochqualifizierten Absolventen betrifft. Was Hahn damit sagen will: Die Qualität der Abschlüsse ist nicht so schlecht.

Das "Aber" folgt auf den Fuß: Noch läuft das Bologna System - die Aufteilung des Studiums in Bachelor-Master-PhD - nicht nach Hahns Geschmack. Kritik übt er an den technischen Bachelor-Studien, wo keine neuen Curricula geschaffen werden, sondern das Studium nur halbiert wird - der Bachelor also nur ein besserer Abschluss des ersten Studienabschnitts ist.

Ein bezahltes Doktoratsstudium soll nach Ansicht Hahns auch die Habilitation ersetzen. Denn zu den Uni-Professoren im angelsächsischen Raum haben die hiesigen Professoren einen Wettbewerbsnachteil: Der britische Uni-Professor etwa ist schon mit 30 bis 35 Jahren fertig, der heimische mit 35 bis 40 Jahren. 

Freier Hochschulzugang ade?

Das Damoklesschwert schwebt über dem freien Hochschulzugang, denn Hahn kritisiert auch die „negative Hierarchie" zwischen Unis und Fachhochschulen: FH-Bewerber, die die Aufnahmsprüfung nicht schaffen, gehen an die Uni. „Was heißt das dann für die Unis", stellte Hahn die rhetorische Frage. Ein Diskutant wünschte sich, dass aus Unis nicht FHs werden, worauf Hahn dem Thema wiederum "Diskussionspotenzial" zuschrieb. (Marijana Miljkovic, derStandard.at, 22. September 2009)