Er wollte die absolute Mehrheit der ÖVP in Vorarlberg brechen, damit "demokratische Normalität" einkehre. Ein fünftes Mandat für die Grünen war sein zweites Wahlziel. Beide Ziele hat er vergangenen Sonntag klar verfehlt. Dennoch verkauft Johannes Rauch, seit 1997 Vorstandssprecher der Vorarlberger Grünen und seit 2000 im Landtag, das kleine Plus von 0,2 Prozentpunkten als Sieg. "Wir sind das erste Mal vor der SPÖ, haben 3500 Stimmen zugelegt", war seine erste Reaktion auf das Wahlergebnis. Und außerdem: "Das ist die erste Landtagswahl seit 2005, bei der die Grünen nicht verloren haben."

Der gelernte Bankkaufmann, der später auf Sozialarbeiter umsattelte, beherrscht, für einen Grünen eher ungewöhnlich, auch das politische Handwerk des Schönredens. Ein Profi-Politiker im grünen Hemd präsentierte sich am Wahlabend, der öffentlich nie und nimmer zugeben würde, wie ihn das Ergebnis wurmt. Vor allem nicht, wenn das Wahlziel Nummer drei, die Regierungsbeteiligung, noch erreichbar scheint.

Rauch, von Freund und Feind als ehrgeizig, beharrlich, zielorientiert bis verbissen beschrieben, weiß, dass man vor Verhandlungen keine Schwächen zeigt. Die Regierungsbeteiligung peilt der Hobbykletterer an wie einen Gipfelsieg. Und grünseitig sind die Voraussetzungen dafür gut.

Die Seilschaft, früher in alle Richtungen unterwegs, marschiert im Gleichschritt. Der Rucksack ist ökologisch und gerecht gefüllt. Der Bergführer ist mental auf Überwindung aller Hindernisse eingestellt. Aber auch der pragmatisch-nüchtern wirkende Vater zweier Töchter ist vor der großen Leidenschaft, die Bergfexe gerne überkommt, nicht gefeit.

So ging er im Wahlkampf voll auf Risiko. "Grüne in die Regierung" war die Ansage. Man hatte mit dem Verlust der absoluten ÖVP-Mehrheit gerechnet. Ein Regierungssitz von ÖVP-Gnaden, wie er jetzt, wenn überhaupt, zur Debatte steht, war nicht wirklich einkalkuliert.

Nun ist der kreative Stratege Rauch gefragt: Die Regierungsbeteiligung als Geschenk des Landeshauptmanns könnte den Absturz der Grünen in die politische Beliebigkeit bedeuten. Nein zu sagen würde die Wählerschaft brüskieren - und am eigenen Ego zerren. Denn Rauch hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er einen Regierungssitz als Höhepunkt seiner Karriere sehen würde. Dafür hat Rauch, der gelegentlich schon als Nachfolger von Alexander Van der Bellen gehandelt wurde, auf eine bundespolitische Rolle verzichtet. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2009)