Der irische Bauernbub Liam McCarthy hat aus einem alten Hausmittel einen Schnelltest für Milch entwickelt - und überzeugte damit die Jury.

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Die zwei Jungs aus der Slowakei, die ein neues Windturbinensystem erfunden haben, dösen, offensichtlich verkatert, neben ihrem Modell. Eine ganze Horde von Kollegen singt für die spanische Farbpigmentforscherin, die ihren 19. Geburtstag feiert, lautstark ein Ständchen. Die zersaust wirkenden drei Franzosen, die die Idee hatten, Musik in zauberhafte Bewegungen von Ferrofluiden, also Flüssigkeiten, die auf ein magnetisches Feld reagieren, umzuwandeln, jammen auf ihrer E-Gitarre.

Am Morgen vor der großen Preisverleihung hat sich die Ordnung der Stände im Pariser Palais de la découverte, in denen die Teilnehmer des EU-Contest-for-Young-Scientists seit Tagen ihre Projekte präsentieren, längst aufgelöst - und genauso ist die Stimmung: Ein gelöstes Sprachengewirr, in dem die Teenager aus 38 Ländern miteinander plaudern, lachen, flirten.

Genau das - junge Leute mit Köpfchen zu einer "great big party" zusammenzubringen - ist dem Jurypräsidenten Chris Phillips zufolge auch der wichtigste Effekt des Bewerbs, in dem sich vergangene Woche bereits zum 21. Mal junge Wissenschafter mit ihren Forschungsprojekten maßen. Denn wer schon in jungen Jahren gut mit Gleichgesinnten vernetzt ist, wird vielleicht auch dabei bleiben und tatsächlich eine wissenschaftliche Karriere antreten - die Nachwuchsförderung ist schließlich das übergeordnete Ziel des von der Europäischen Kommission initiierten Contests.

Dabei sind die Motive der meisten Teilnehmer - die jeweiligen Sieger nationaler Bewerbe - gar nicht so hochgegriffen. Oft macht bloß die sprichwörtliche Not erfinderisch, wie die beiden Iren, die einen der drei Hauptpreise einheimsten, bewiesen: Liam McCarthy (14) und John D. O'Callaghan (15) sind Söhne von Milchbauern und haben einen günstigen Schnelltest zur Überprüfung der Milchqualität entwickelt, der ihren Vätern bei der Käseproduktion hilft. Dabei haben die beiden ein Hausmittel aus Großmutters Nähkästchen zu einer handfesten Innovation gemacht. Liams Oma hatte nämlich erzählt, dass man nur etwas Waschmittel in ein Glas frischer Milch mischen müsse. Wird die Mixtur dadurch immer dickflüssiger, gebe das einen Hinweis darauf, dass eine Infektion in den Milchdrüsen der Kuh vorliegt.

"Wir wussten nur, dass das stimmen könnte. Warum das so ist und wie es funktioniert, haben wir in vielen Tests mit verschiedensten Methoden am Küchentisch herausgefunden", schildert Liam. Dabei konnten die beiden beweisen, dass sich bei der Zugabe von Waschmittel tatsächlich die Anzahl der Körperzellen und damit die Viskosität erhöht. Den Testapparat haben die Väter bereits erfolgreich in Verwendung. Mit dem Preisgeld von 7000 Euro wissen die beiden genug anzufangen. "Jetzt kann ich mir endlich einen Laptop kaufen", freut sich Liam.

Flugzeug mit Rückwärtsgang

Einen Laptop hat der Schweizer Fabian Gafner, der ebenfalls mit einem ersten Preis ausgezeichnet wurde, schon lange: Auf diesem zeigt der 19-Jährige seine Erfindung Dikranos - ein Modellflugzeug, das vorwärts und rückwärts fliegen kann - in Aktion. Mitten im Flug stoppt es abrupt, dreht die Tragflächen nach vorn und fällt ein wenig ab, bis die Schubumkehr wirkt. Eine Idee, die bisher niemand vor ihm verfolgt hat. "Das Projekt entstand aus meiner Begeisterung für Modellflugzeuge. Ich wollte immer immer neue Sachen damit ausprobieren", sagt der angehende Maschinenbau-Student. Dass ihm der konkrete Nutzen von Dikranos (noch) nicht klar ist, hat auch die Jury nicht gestört.

"Wir haben unsere Arbeit nicht für den Contest getan, sondern weil wir mehr wissen wollten", beteuern die Polen Aleksander Kubica und Wiktor Pilewski (beide 20), die für ihre Optikforschungen mit Spiralzonenplatten den dritten Hauptpreis erhielten.

Die drei österreichischen Teams, die sich beim heimischen Schulwettbewerb Jugend Innovativ, veranstaltet von der Förderbank Austria Wirtschaftsservice, durchgesetzt hatten, gingen diesmal (fast) leer aus. Keinen der insgesamt neun Geldpreise, dafür aber eine Einladung zum Europäischen Patentamt in München bekamen Iris Schmidt, Martin Brezowar und Michael König von der HTL Mödling für die Entwicklung eines neuartigen chirurgischen Werkzeugs - das vom österreichischen Patentamt bereits geprüft wird.

"In Österreich kommt es sehr stark auf das Engagement der Lehrer an, während in anderen Ländern ein naturwissenschaftliches Forschungsprojekt an Schulen verpflichtend ist", meint der Politikwissenschafter Johannes Pollak von der Webster University Vienna, der einzige Österreicher in der Jury. Generell gebe es hierzulande zu wenig Mittel für junge Forscher-talente. Die würden aber ohnehin keine Grenzen mehr kennen und ihren Weg gehen, auch wenn er ins Ausland führt, ist Pollak überzeugt. Für die 87 Teams führte der Weg erst einmal nach Hause - mit einem Preis oder zumindest einer Reihe neuer Freundschaften in der Tasche.

Am 1. Oktober startet übrigens die Anmeldung für die nächste Runde von Jugend Innovativ. (Karin Krichmayr aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 23.09.2009)