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Helmut Kraft hat's geschafft, die oberen Tabellenränge bleiben nach dem 3:0-Erfolg in Reichweite.

Foto: REUTERS/Robert Zolles

Wiener Neustadt - Wer die Stadt, deren Existenz sich dem Lösegeld für Richard Löwenherz verdankt, wirklich kennenlernen will, muss wahrscheinlich ins Café Wenninger gehen, ein herrlich abgewetztes Kaffeehaus, in dem sich Lauf- und Stammgäste zu jener Melange mischen, die nach - ja: Seele duftet. Der Kaffeesieder heißt Michael Geyer, und im Hauptberuf ist er Fußball-Aficionado.

Weil er das ist, und weil er emotional im 1908 gegründeten 1. SC Wiener Neustadt wurzelt, hat er Frank Stronachs Engagement stets sehr skeptisch bis kritisch beurteilt. Wenn der also nun sagt: "Ja, da kann was werden draus" , dann hat das ein Gewicht, das weder Lauf- noch Stammgäste so einfach beiseitewischen können.

Am Dienstagabend hat dieser Stronach-Klub Magna den ziemlich benachbarten SV Mattersburg empfangen und vor der bisherigen Rekordkulisse von 6200 Zuschauern mit 3:0 wieder nach Hause geschickt. Die Frage, die das Café Wenninger tags darauf beschäftigte, war: "Ist das nun ein Derby gewesen oder nicht?" Michael Geyer entscheidet: "Wenn es noch keines war, so wird es eines werden, da wächst was."

Beinahe wortgleich analysiert die Sache Heinz Griesmayer, und der muss es tatsächlich wissen. Denn Griesmayer ist, wie man so sagt, ein Neustädter Spieler- und Trainer-Urgestein, zurzeit aber Co-Trainer bei Mattersburg. "Neustadt" , sagt er, "ist bereit für guten Fußball, freilich macht der Verein auch Fehler, agiert ein wenig abgehoben." Es sei immer noch nicht gelungen, den SC-Anhang zu Magna-Fans zu machen. Mattersburg sei diesbezüglich weiter, "ist bodenständiger und damit verankert in der Region".

Beide, Geyer wie Griesmayer, sind aber zuversichtlich, dass die Partien zwischen Mattersburg und Wiener Neustadt sich zu echten Derbys auswachsen werden. Das neue Magna-Stadion, das sich im Status der Umweltverträglichkeitsprüfung befindet, werde das befeuern, glaubt der Kaffeesieder. Der Mattersburger Co-Trainer sieht den Derby-Zund im Anlaufen einer entsprechenden Nachwuchsintegration, aber auch da sei Mattersburg noch ein paar Schritte vorn.

Vorarlberger Vorbild

Falls beide Vereine oben bleiben - und danach sieht es, soweit man das jetzt überhaupt schon sagen kann, aus - könnte da eine veritable Derby-Region entstehen. Nicht vergleichbar mit Wien, natürlich nicht. Aber Lustenau vs. Lustenau könnte durchaus Pate stehen.

Vielleicht gewöhnt sich dann ja auch Cem Atan - der von Coach Griesmayer in Wiener Neustadt zum Fußballer gehegt worden ist - an die Derby-Atmosphäre, die ihm am Dienstag noch ein wenig die Nerven zerrüttet hat.

Dann wären jedenfalls das Café Wenninger und sein Sieder wieder ganz bei sich. Und Heinz Griesmayer, der Gast, natürlich auch. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 24.9.2009)