Wien - Bis heute hält der Expertenstreit rund um Josef Matthias Hauer (1883-1959) an. Für die einen war er ein Musikrevolutionär von messianischen Zügen, für die anderen ein Scharlatan. Der Komponist Friedrich Cerha weiß über seine Besuche in den Fünfzigerjahren jedenfalls Wunderliches zu berichten: Hauer sei vollkommen bekleidet im Bett gelegen und habe den jungen Kollegen mit der Aussage schockiert, dass mit Beethoven die "Schweinerei in der Musik" begonnen habe.

Dann habe Cerha aber verstanden, was Hauer meinte: Ihm sei eine Musik vorgeschwebt, die von einem "ausgeglichenen Fließen" lebt und nicht von inneren Kämpfen. Berücksichtigt man diese extreme Gegenposition zu den Fundamenten des modernen europäischen Musikverständnisses, die Hauer einnahm, verliert auch der noch immer gelegentlich aufgewärmte Prioritätenstreit um die Erfindung der Zwölftontechnik an Gewicht. Denn der von den Nationalsozialisten als "entartet" klassifizierte und von Teilen der Nachkriegsavantgarde geächtete Hauer verfolgte einen vollkommen anderen Ansatz als Arnold Schönberg: Er wollte nicht musikalische Entwicklung darstellen, sondern eine vergeistigte Ordnung der zwölf Töne. Damit befand er sich in gewisser Nähe zu anderen Künsten, etwa zur Abstraktion in der Malerei. Es gab einen umfassenden Gedankenaustausch zwischen Johannes Itten und Hauer - und den Plan, am Bauhaus von Walter Gropius eine Musikklasse aufzubauen.

Neueren Forschungen zufolge war es Hauer, dem Hermann Hesse in seinem Glasperlenspiel ein Denkmal schuf. Seine "Zwölftonspiele" , von denen rund 1000 existieren, zeigen, wie sich Hauer die Tonkunst vorstellte: Ihm schwebte eine Einheit von Musik und Kosmos vor, wobei er auf die antike Idee der "Sphärenharmonie" ebenso zurückgriff wie auf fernöstliche Denkweisen. Ob man seine esoterische Haltung teilen mag oder nicht: Hauer hat die Möglichkeiten, wie Musik zu verstehen ist, nachhaltig erweitert. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe 24.9.2009)