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Die Industrie bietet weniger Lehrplätze. Der frühere Regierungsbeauftragte Egon Blum fordert neue Förderungen für KMU.

Foto: AP/Eckehard Schulz

5587 Lehrverträge weniger, das sei Notstand, schlägt Egon Blum, der frühere Lehrlingsbeauftragte der Bundesregierung, Alarm. Er präsentiert ein neues Fördermodell, aus Gewerkschaft und FPÖ kommt Unterstützung.

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Bregenz/Linz - Egon Blum, 2003 bis 2008 Lehrlingsbeauftragter der Bundesregierung, hat die Lehrstellen-Statistik analysiert und kommt zu dem Schluss: "Es herrscht Notstand auf dem Lehrstellenmarkt." 5587 Jugendliche bekamen mit Stand August in Österreich keinen Lehrvertrag, das sind 13 Prozent weniger als im Vorjahr.

Verantwortlich für das Minus an betrieblichen Lehrstellen sei, so Blum, das Lehrlingspaket der Bundesregierung. Nach Auslaufen des Blum-Bonus wären, so Blum, Klein- und Mittelbetriebe nicht mehr in der Lage, zusätzliche Lehrstellen anzubieten. Zudem habe man in die "Ausbildungsgarantie der Großbetriebe" unrealistische Erwartungen gesetzt.

Blum will nicht falsch verstanden werden.Er habe nichts gegen überbetriebliche Ausbildungsplätze, wie von der Bundesregierung versprochen: "Aber als Ergänzung, nicht als Ersatz für die betriebliche Lehre." Das Versprechen der Bundesregierung, in den nächsten Jahren 12.000 überbetriebliche Lehrplätze zu schaffen, halte er für "schlichtweg unrealistisch" .

Die wenigsten Lehrlinge im ersten Lehrjahr hat nach der Blum-Rechnung Oberösterreich mit einem Minus von 17 Prozent.Es folgen Niederösterreich, Steiermark und Kärnten mit 15 Prozent weniger Erstjahr-Lehrlingen. In Tirol (minus zwölf Prozent) und Burgenland (minus elf Prozent) sank die Lehrlingszahl ebenfalls zweistellig. In Salzburg wurden fast zehn Prozent weniger Lehrverträge unterzeichnet, in Wien fast acht Prozent.Das beste Ergebnis errechnete Blum für Vorarlberg, dort beträgt das Minus 4,5 Prozent. Die wenigsten neuen Lehrstellen bietet österreichweit die Industrie.

Der Lehrstellenschwund sei für Politik und Sozialpartner seit Monaten sichtbar, sagt Blum, "man hätte längst handeln müssen" . Es sei "5 nach 12" , schimpft der Vorarlberger Gewerkschaftsvorsitzende Norbert Loacker (SPÖ) und spart nicht mit Kritik an seinesgleichen: "Das neue Jugendbeschäftigungspapier war ein Fehler. Nicht nur der Bundesregierung, auch der Sozialpartner." Loacker fordert von der Bundesregierung, "sofort zu handeln, noch dieseWoche" , notfalls auch gegen die Sozialpartner. Loacker: "Wenn man jetzt nichts tut, muss man in vier, fünf Jahren wieder nach Fachkräften aus dem Ausland schreien."

Wie der Ring freiheitlicher Wirtschaftstreibender fordert Loacker eine Fortführung des Blum-Bonus. Der oberösterreichische Gewerkschafts-Chef Johann Kalliauer (SPÖ) sieht neue Fördermodelle "skeptisch" , sie hätten meist nur kurzfristige Wirkung. Kalliauer hält es für sinnvoller, "die Ausbildungsgarantie umzusetzen" .

Blum schlägt eine modifizierte Förderung vor: Treuebonus für maximal zwei Lehrlinge pro Unternehmen, die den Lehrlingsstand des Vorjahres halten. Zusätzlichkeitsbonus für maximal fünf neue Lehrlinge pro Unternehmen. Qualitätsbonus für alle Lehrlinge, die nach dem zweiten Lehrjahr einen Qualifikationsnachweis erbringen. Aus dem Sozialministerium war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme dazu erhältlich. (Jutta Berger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.9.2009)