Bild nicht mehr verfügbar.

Picken für die Umwelt: In Berlin dürfen nur Autos mit bestimmten Abgaswerten in die Stadt, in Österreich wird darüber verhandelt

Foto: APA/Rainer Jensen

Bis Ende Oktober sollen in Österreich Regeln für Umweltzonen in Städten fertig sein, nur mehr bestimmte Autos dürfen dann fahren. Der ÖAMTC sieht soziale und wirtschaftliche Gefahren und wenig Nutzen - Von
Michael Möseneder

***

Graz/Berlin - Heerscharen von Pendlern, die aus Innenstädten ausgesperrt werden? Autobesitzer, deren vier Jahre alte Gefährte praktisch wertlos werden? Riesiger Verwaltungsaufwand ohne praktischen Nutzen für Natur und Bevölkerung? Das befürchtet der Autofahrerclub ÖAMTC, sollten auch in Österreich Umweltzonen nach deutschem Vorbild eingerichtet werden. Im Nachbarland gesteht man durchaus Probleme mit der Maßnahme ein, sieht aber mehr positive Effekte.

"Fahrverbot" in Berlin

Große Verkehrsschilder mit dem "Fahrverbot"-Zeichen, in dem das Wort "Umwelt" und darunter "Zone" steht, finden sich rund um das Zentrum Berlins. Die roten, gelben und grünen Kreise darunter weisen aber nicht auf Ampeln hin, sondern zeigen an, wer das Schild ignorieren darf. Denn jedes Auto, das in die Berliner City will, muss eine Plakette mit einer dieser drei Farben auf der Windschutzscheibe kleben haben. Die Farbe wiederum ist von den Abgaswerten des Fahrzeugs abhängig.

Ab 1. Jänner 2010 dürfen in Berlin nur mehr "Grüne" durch, ebenso zum Beispiel in Hannover. Sinn der Sache: die Verringerung des Feinstaubs und der Stickstoffdioxidwerte in der Luft. Reduktionen, die man bald auch in Österreichs Städten aufgrund einer EU-Richtlinie erreichen muss. Im Brennpunkt steht dabei Graz. In keiner Landeshauptstadt werden die Grenzwerte so oft überschritten, in keiner denkt man daher so intensiv über die Umweltzonen nach (der Standard berichtete).

Nur geringer Effekt für Natur

Warum, ist für den ÖAMTC, der österreichische Journalisten zu einer Pressefahrt nach Berlin eingeladen hat, aber schleierhaft. Der Aufwand stehe in keiner Relation zum Ergebnis, meint Max Lang, Cheftechniker der Interessenvereinigung. Denn nur zwölf Prozent des Feinstaubs werde in Graz durch Autos erzeugt, wenn davon zehn Prozent eingespart würden, sei das vernachlässigbar. Messungen des deutschen Klubs ADAC hätten in Berlin überhaupt nur geringe oder keine Effekte gezeigt.

Dem widerspricht Bernd Lehming vom Umweltsenat der Berliner Stadtregierung: "Entlang der Hauptstraßen ist seit der Einführung der Umweltzone 2008 die Feinstaubbelastung um 52 Prozent zurückgegangenen." Allerdings: Entscheidend ist nicht die Gesamtbelastung, sondern an wie vielen Tagen die Grenzwerte überschritten werden. Und da geht Lehming von zwei bis vier ersparten Tagen aus - 35 sind erlaubt.

40 Prozent der Dieselfahrzeuge müssten draußen bleiben

Die größte Befürchtung des ÖAMTC: Würden bei uns die deutschen Normen flächendeckend eingeführt, müssten 40 Prozent der Dieselfahrzeuge draußen bleiben. Und wären damit praktisch wertlos. Auch Modelle mit Baujahr 2004 könnten davon betroffen sein.

Ganz richtig ist das so nicht. Denn in Berlin sind ältere Dieselfahrzeuge zugelassen, wenn nachträglich ein 700 Euro teurer Partikelfilter eingebaut wird. Umgelegt auf Österreich, wären nur mehr gut neun Prozent aller Fahrzeuge (Diesel und Benzin) betroffen.

Auch Ärmere benötigen dann neue Autos

Ärmere Menschen mit besonders alten Autos benötigen aber neuere Modelle, wie auch der Berliner Lehming eingesteht. "Wir hatten soziale Härtefälle, bemühen uns aber um Einzellösungen", sagt er. Wenig entgegensetzen kann er einem anderen Argument: der Unübersichtlichkeit. Denn während die sechs Euro teure Plakette deutschlandweit gilt, legt jede Stadt selbst fest, wer in ihre Umweltzone darf und wer nicht. Dasselbe Auto darf manchmal mit, und muss manchmal stehen bleiben.

EU-weite Regelung nötig

Darüber hinaus sei eine EU-weite Regelung nötig, argumentiert der ÖAMTC. Sonst bräuchte man für jeden Staat einen eigenen Aufkleber - neben diversen Autobahnpickerln würde es auf der Windschutzscheibe langsam eng.

Beim Land Steiermark, das auch für die Grazer Umweltzone mitverantwortlich wäre, will man diese Argumente vorerst nicht kommentieren, da der Bund erst Ende Oktober den rechtlichen Rahmen für Umweltzonen vorlegen will. Man sei aber zuversichtlich, alle Probleme beseitigen zu können. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe 24.9.2009)