Bild nicht mehr verfügbar.

Hein galt als "Pfarrersohn, der in den Westen abgehauen war" , weil er bis zum Mauerbau ein Westberliner Gymnasium besuchte.

Foto: APA

Standard: Welche Gedanken bewegten Sie, als vor 20 Jahren die DDR verschwand?

Hein: Am 9. November 1989 war mir klar, dass die DDR verschwinden würde. Nur, wie so ein Staat tatsächlich aufhört zu existieren, der lange das Leben von Menschen bestimmt hat, war für mich schwer vorstellbar. Der Zerfall des russischen Imperiums wird die nächsten 50, vielleicht 200 Jahre bestimmen. Nach dem Ende der Sowjetunion setzte die Globalisierung ein. Die Einteilung der Welt in eine Erste, Zweite und Dritte Welt war obsolet geworden. Es gibt nur noch eine Welt. Der Kapitalismus begriff das als Erster und versucht es zu nutzen - mit fatalen Folgen für ihn selbst. Die Globalisierung wird erst zu einem Schlusspunkt kommen, wenn es wirklich kein Gebiet der Erde mehr gibt, in dem man nicht preiswerter produzieren kann als in dem vorhergehenden.

Standard: Der DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer schrieb: "Mit Ende des Sowjetsystems verlieren die westlichen Demokratien immer mehr das Gleichgewicht zwischen bürgerlichen und sozialen Freiheitsrechten. Das rührt inzwischen an die Grundfragen des Rechtsstaates, der nicht zuletzt von der Akzeptanz seiner Bürger lebt." Sehen Sie diese Gefahr?

Hein: Die Gefahr sehe und fürchte ich. Gerade jetzt durch die Krise, die erst angefangen hat, weil die Regierung eine Billion Euro drucken ließ. Das Geld muss irgendwann durch Leistung oder Inflation unterfüttert werden. Wie dann eine Bevölkerung reagiert, dafür gibt es verheerende Beispiele. Nach dem Jahr 1929 folgte vier Jahre später das Jahr 1933. Und das war nicht auf Deutschland beschränkt. Der Nationalismus, der Antisemitismus ist in vielen europäischen Ländern, auch in den USA, virulent und wird lediglich durch den deutschen Exzess gestoppt. Der Kapitalismus noch nicht wieder ganz bei sich. Ihm ging es wunderbar, als er auf der anderen Seite ein sozialistisches Weltreich hatte. Da befand er sich im Wettbewerb. Dann brach dieses Reich weg. Der Kapitalismus konnte nur noch expandieren und wurde maßlos. Maßlosigkeit war immer der Anfang vom Ende. Das kann drohen. Dann wird es eine Wirtschaftsordnung geben, die vermutlich sehr kapitalistisch sein wird, aber mit mangelnder Demokratie gut zurechtkommt. Wir erleben Vergleichbares in China, wo es eine rigide Parteiführung gibt, die aber den Kapitalismus ungestört wirtschaften lässt. Da sind die bürgerlichen Freiheiten auf brutale Art eingeschränkt. Diese Gefahr besteht auch für Europa.

Standard: Kann es sein, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung unter einem Legitimationsproblem leidet und sich deshalb jede positive Bezugnahme auf die DDR verbietet?

Hein: In dem Moment, in dem die Wirtschaft runter- und die Arbeitslosenzahlen raufgehen, ist der Verweis auf einen Staat, in dem es keine Arbeitslosigkeit gab und große soziale Sicherheit herrschte, fatal. Und: Der Wettbewerb zum Kapitalismus hatte zur Folge, dass die DDR viel liberaler war als andere sozialistische Staaten. Sie konnte nicht nach Belieben mit ihren Bürgern umspringen. Als etwa in der Bundesrepublik die Fünf-Tage-Woche eingeführt wurde, war der Druck auf die DDR so stark, dass sie sie irgendwann auch einführen musste, obwohl sie wirtschaftlich dazu nicht in der Lage war.

Standard: Sie haben die Einladung der Bundesregierung zu einer Veranstaltung zum 60-Jahr-Jubiläum des Grundgesetzes ausgeschlagen und das mit der Ausgrenzung von DDR-Künstlern in der Ausstellung "60 Jahre - 60 Werke" im Berliner Gropius-Bau begründet. Steht hinter dieser Ausgrenzung Methode?

Hein: Ich denke schon. Es ist die Haltung von Ideologen einer Gesellschaft und nicht von der Gesellschaft selbst. Diese Art von Ausgrenzung entspringt lediglich dem Geist der alten Kalten Krieger. Die Gesellschaft ist davon gelangweilt.

Standard: "Jede Fälschung der Geschichte zerstört Freiheit" , schrieben Sie in "Aber der Narr will nicht" . Gilt das für die Manipulation historischer Tatsachen?

Hein: Auf jeden Fall. Aber es besteht kein Grund zu Nervosität. Jeder Staat versucht zu zeigen, dass er der beste ist. Alles vor ihm gilt nicht mehr. Er selbst wird noch 1000 Jahre bestehen. Diese Haltung hatte die DDR auch. Da tritt aber doch dieses Goethe'sche Diktum ein, dass alles, was auf dieser Welt entsteht, auch zugrunde geht. Wir erleben durch die Globalisierung enorme Veränderungen. Jeder, der vor 20 Jahren angedeutet hätte, dass zum Beispiel die USA nicht mehr die Führungsmacht für alle Zeiten sein werden, hätte als Wahnsinniger gegolten. Heute deutet sich an, dass China oder Indien in kurzer Zeit diese Rolle übernehmen werden. Die Welt dreht sich, wir werden noch weitere Überraschungen erleben.

Standard: Wie gehen Sie selbst mit Ihrer DDR-Vergangenheit um? Wirken Erfahrungen bis heute nach?

Hein: Das sind Erfahrungen, die wir als Sozialisierung beschreiben. Die Prägungen, die mit den 50er-, 60er- und 70er-Jahren der DDR zu tun haben, auch mit dem kleinen Ausflug nach Westberlin, wo ich drei Jahre das Gymnasium besuchte, sind bestimmend für mich - ob ich es will oder nicht. Monika Maron hat kürzlich gefordert, wir sollten aufhören, von DDR-Literatur zu sprechen, sondern sie vor dem Hintergrund dessen, dass die DDR Ergebnis der gemeinsamen deutschen Geschichte war, als deutsche Literatur akzeptieren.

Standard: Inwieweit haben sich DDR-Schriftsteller als deutsche Schriftsteller verstanden?

Hein: Die Autoren, mit denen ich Umgang hatte, Heiner Müller, Peter Hacks, Christa Wolf, Stefan Heym, Günter de Bruyn, Volker Braun, verstanden sich immer als deutsche Autoren. Einen Autor, der sich nur als DDR-Schriftsteller verstanden hätte, könnte ich nicht nennen. Wie ich mir andererseits nicht vorstellen kann, dass sich ein Günter Grass oder Martin Walser als BRD-Schriftsteller versteht.

Standard: Wie würden Sie die literarische Darstellung der DDR in der Post-Wende-Literatur bewerten? Vermittelt sie ein realistisches Bild?

Hein: In einigen Punkten schon. Es gibt unterschiedliche Bücher und Sichtweisen. Ich kannte früher auch ältere Kollegen, die erschrocken waren und sagten, sie hätten ein anderes Bild. Ihnen sei die DDR viel freundlicher entgegengekommen als mir, dem Pfarrerssohn, der in den Westen abgehauen war. Es kann nur hilfreich sein, wenn wir noch mehr Facetten bekommen, damit das Bild vollständiger wird.

Standard: Hans Mayer sagte über Ihren 1989 erschienenen Roman "Der Tangospieler" , aus ihm würden künftige Generationen sehen, wie man in diesem Land gelebt, gelitten und gelogen habe.

Hein: Ich würde keinesfalls ein einzelnes Buch als gültig für eine bestimmte Zeit oder Region benennen. Wir haben nie erlebt, dass ein Buch alles abgedeckt hat.

Standard: Welche Bedeutung hatte die in der DDR entstandene Literatur für die Menschen in der DDR? Traten die Leser diesen Büchern oft mit Misstrauen gegenüber?

Hein: Diese Haltung kenne ich. Es kam vor, dass man der Lizenzliteratur aus dem Westen besondere Aufmerksamkeit schenkte oder bestimmte DDR-Autoren nicht oder ungern las. Es kam auch vor, dass man von DDR-Autoren übermäßig viel erwartete, weil wir keine nennenswerte Presse hatten. Es wurde von ihnen das erwartet, was die Presse nicht lieferte. Man dachte, in den Büchern Wahrheit zu finden, Bücher hatten einen überhohen Stellenwert. Aber das waren falsche Gewichte, die durch die politische Situation entstanden.

Standard: Fast 20 Jahre nach dem Ende der DDR wurde der Roman "Rummelplatz" des verstorbenen Werner Bräunig, der in der DDR nicht erscheinen durfte, wiederentdeckt. Wird es in Zukunft noch zu manchen Wieder- oder Neuentdeckungen aus DDR-Zeiten kommen?

Hein: Die Frage ist nicht zu beantworten. Da können wir uns in fünfzig Jahren noch einmal darüber unterhalten. Den wahrscheinlich größten Prosaautor des 20. Jahrhunderts las zu seinen Lebzeiten keiner: Franz Kafka. Bei den DDR-Autoren erinnere ich nur an einen von mir sehr geschätzten Autor, den man in Ost- und Westdeutschland sehr schätzte, der aber mittlerweile in West und Ost in Vergessenheit geraten ist, das ist Johannes Bobrowski. Aber ich bin zuversichtlich, dass eine andere Generation ihn wieder entdecken wird.

Standard: Wird es, wenn sich die gegenwärtigen Hysterien gelegt haben, zu einer neutraleren Wahrnehmung von DDR-Literatur kommen?

Hein: Da bin ich sicher. Die Auseinandersetzung mit der DDR bestimmt noch das Leben, wenn auch nicht so stark, wie Medien das glauben. Vielleicht wird dieser ostdeutsche Teil irgendwann weniger als Belastung, mehr als Reichtum empfunden werden. Heute ist das Problem, dass die jungen verschwinden, zurück bleiben die alten. Was sich zeigt, ist eine merkwürdige demografische Entwicklung: Es sind vor allem junge Frauen, die verschwinden. Zurück bleibt eine männliche, frauenlose Jugend, was kein gutes Zeichen für die Zukunft ist. Da entsteht etwas Dumpfes. Das hatten wir schon einmal in Deutschland. (Adalbert Reif, DER STANDARD/Printausgabe 26.9./27.9.2009)