Was einen sofort anspringt, ist die Energie. Nicht totzukriegen. Vielleicht ist es der für die Region typische Pragmatismus. Die sprichwörtliche "Berliner Schnauze" besteht ja aus mehr als Reden, sie ist ein bodenständiger Kampfgeist, ein proletarischer Stolz: Sich bloß nicht beirren lassen. Ihr Herren habt uns nüscht zu sagen. Und so klingen auch ihre Sätze: "Wenn ihr meint, ich sei blöd, nur weil ich ein Mädchen bin, habt ihr sowieso schon verloren."

Claudia Frank redet. Sie redet viel, lange, reflektiert, als wolle das jetzt alles noch mal raus. Sie redet, wie viele reden würden, wenn man sie ließe, etliche Millionen Stimmen mit ihren zerrissenen, oft wenig beachteten Biografien. „Die 20 Jahre nach 89 werden nicht gesamtgesellschaftlich diskutiert", sagt Claudia. Es gibt da eine Einheitsversion über die Einheit, und die Leute meinen, wenn sie den Film Das Leben der Anderen anschauen, hätten sie etwas begriffen. Nichts haben sie begriffen, und wenn es etwas gibt, das Claudia geformt hat in ihrem Leben, dann diese Überzeugung: Man hat sie nicht gefragt, und niemand nach der Wende hat sich für ihre Erfahrungen interessiert. 


Im Jahr 1989 war Claudia 16. Sie besuchte die 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule Heinz Gronau in Berlin Hohenschönhausen, und Claudias Weg war klar: Maschinenbau studieren, das hatte sie angegeben, als sie 1988 für das Abitur "delegiert" wurde. Sie war kein Kaderkind, ihre Eltern nicht in der Partei, allerdings waren Claudia und ihr viereinhalb Jahre jüngerer Bruder Mitglieder bei den Pionieren, der Jugendorganisation der DDR. Erst Jungpionier, dann Thälmannpionier, dann FDJ (Freie Deutsche Jugend), so war die Stufenleiter.
Ansonsten waren die Franks die typische Familie dazwischen. Man sah Westfernsehen, wie alle, der Vater, Ingenieur bei den Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerken, schimpfte zu Hause aufs System, beschwerte sich über Materialengpässe und Knebelverträge mit der Sowjetunion. Claudias Mutter, als Sekretärin an der Bauakademie weniger mit den Problemen der Produktion konfrontiert, beschwichtigte und war besser auf den Staat zu sprechen. "Wir machten schon die klare Unterscheidung zwischen ‚denen‘, den Parteimitgliedern, und ‚uns‘", sagt Claudia, "wir wussten, dass öffentlich nicht alles gesagt und gefragt werden durfte." Gleichzeitig gab es auch die Einbindung ins System und eine klare Erziehung. Das "Auferstanden aus Ruinen" war Claudias feste Überzeugung. Sie übernahm kleine Funktionen im institutionalisierten DDR-Kinderalltag, war "Freundschaftsratsvorsitzende" bei den Pionieren, und 1986, die große Ehre, nahm sie 13-jährig an der Pionierdelegation zum 11. Parteitag der SED teil, ein großes Ding. Sie hat die Zeitung von damals aufgehoben, die Dankesschreiben und eine Grußkarte des Parteivorsitzenden Erich Honecker. Es war der letzte Parteitag, den 12. sollte die SED nicht mehr erleben. Als sie von dem Großereignis zurückkehrte, so erinnert sie sich, hat ihre Klassenlehrerin sie ängstlich begrüßt, als sei Claudia auf dem besten Weg zu "denen", den Kadern. "Die war auf Linie", wird ihr Bruder im Rückblick sagen.

Es dauerte, bis das, was "Wende" wirklich bedeutete, bei den Leuten ankam. Rasant allerdings war der Prozess: Nicht ein Jahr später waren die Deutsche Währungsunion (Juli 1990) und die Deutsche Einheit (Oktober 1990) vollzogen, und 40 Jahre DDR fast vollständig zu nichts "abgewickelt". Kaum eine DDR-Erbschaft wurde bei dem per Einheitsvertrag festgelegten "Beitritt" übernommen - überhaupt, sagt Claudia, sei Beitritt ein diskriminierendes Wort.
Der Sommer 1989 war bestimmt von Unsicherheit, Zehntausende verließen über Ungarn und die Botschaften in Prag und Warschau die DDR. "Wir fragten uns wirklich, was passiert, wenn jetzt alle gehen? Wer bleibt überhaupt noch hier?" Claudia wäre nicht gegangen. Sie beendete die 10. Klasse in ihrer Oberschule und wechselte dann 1990 für die zweijährige Abiturstufe nach Halle an ein "Institut für die Vorbereitung auf das Auslandsstudium" (IVA). Ohne Wende wäre sie niemals auf diese Art Schule gekommen, eine Kaderschmiede der Diplomaten- und Technikerausbildung für Kinder aus Parteibuchfamilien. Doch dies waren die kurzen Jahre eines Intermediums, nicht mehr Osten, noch nicht ganz Westen, eine Zeit, heiße Eisen zu schmieden, nicht nur in der großen Politik. Noch lief alles im alten Muster. Der ideologische Rahmen an der Schule war gelockert, Fächer wie Geschichte und Gesellschaftskunde dümpelten unsicher dahin, doch die übrige fachliche Ausbildung blieb bei dem hohen Niveau der alten Eliteanstalt. Claudia mochte diese Schule. Fort von zu Hause und in einem der IVA angegliederten Internat untergebracht, fühlte sie sich frei. Sie zog sogar vom Mädchen- in den Jungentrakt, weil sie das spannender fand, und niemanden störte es.
Mitte 1991 aber wurde plötzlich alles anders. Der Direktor begrüßte die Schüler nach den Sommerferien mit den Worten "Willkommen am Gymnasium in Ryleck". Über die Ferien hinweg war der gesamte Schultyp, auf dem Claudia sich befand, abgewickelt worden, samt Bezeichnung IVA. Rund zwei Drittel der Lehrer waren ausgetauscht und meist durch Lehrkräfte aus dem Westen ersetzt. Claudia erinnert sich, wie ihr Tschechisch-Lehrer weinend auf den Stufen der Schulhaustreppe saß, den Ausweisungsbescheid in der Hand, zurückgeschickt in sein Herkunftsland. 

Wir waren Opposition

Das war der Punkt der Politisierung. "Wir waren Opposition", sagt Claudia, "wir waren nicht nett zu den Westlehrern, die wir für wenig qualifiziert hielten." Die Schüler demonstrierten, wirkungslos natürlich, gegen die Abwicklung ihrer Schule, und in Claudia empörte sich der Gerechtigkeitssinn, es verfestigte sich ihr vehementer Zorn: "Wir sind nicht gefragt worden."
Zur Wut auf den übergriffigen Westen und eine Vereinigung, von der Claudia sagte "das ist nicht meine Veranstaltung", kam die nachträgliche Enttäuschung über das DDR-System. Zum ersten Mal hörte Claudia vom Stalinismus, zum ersten Mal begriff sie, was sie alles nicht gelernt hatte, zum ersten Mal sah sie die Bilder von Stalin unretuschiert, nämlich mit Trotzki daneben. "Zu begreifen, wie sehr man manipuliert wurde, war schockierend - ich hatte diesen Leuten vertraut, ich hatte an all das geglaubt, den sozialistischen Staat, den Antifaschismus."

Inzwischen war den Schülern der ehemaligen IVA klar, dass sie nicht mehr im Ausland studieren würden, dass die geplanten Karrieren nicht einzuhalten waren. Claudia fand, sie brauche Wissen, um sich neu orientieren zu können; und weil im Osten die Sozialwissenschaften erst im Aufbau waren, schrieb sie sich an der Berliner Freien Universität für Politikwissenschaft ein. So betrat sie den Westen, der "emotional Feindesland" für sie war, als komplett fremdes Terrain: "Von den 800 Erstsemestern des Faches kamen nur sieben aus Ostdeutschland." Diese sieben interessierten sie nicht. Sie interessierte sich für Widerstand in der BRD, für die Geschichte der RAF, für die autonome Szene, die Frauenbewegung, die westdeutsche Antifa. Doch das Gefühl, eine Exotin zu sein, verließ sie nicht, denn die West-Opposition gegen den Westen war nicht ihre, und eigentlich wollte immer noch niemand so genau wissen, woher sie kam. Ihr Land war wie abgebrannt.
Claudia probierte vieles im Versuch, Außenseitertum durch gesellschaftliches Engagement zu lindern. Doch erst 1995 fand sie in ASA, einem entwicklungspolitischen Austauschprogramm, den Rahmen, in dem sie sich richtig fühlte. Mit einem Stipendium ging sie, mittlerweile 21, für ein halbes Jahr nach Kamerun und wurde vorher auf den Auslandseinsatz vorbereitet. Erst durch die ASA-Trainings begriff Claudia, die sich als fast einzige Weiße in Kamerun ähnlich fühlte wie als Ostdeutsche im Westen, was mir ihr geschehen war: "Was ich nach '89 erlebt habe, war wohl ein Kulturschock."

Claudia arbeitete noch weitere Jahre ehrenamtlich für ASA, "in der DDR hatte ich ja gelernt, Positionen und Verantwortung zu übernehmen und daraus auch Anerkennung zu ziehen." Sie schrieb ihre Diplomarbeit zum kollektiven Gedächtnis des deutsch-polnischen Verhältnisses, arbeitete für eine grüne Bundestagsabgeordnete, später für verschiedene Nichtregierungsorganisationen als Referentin für Friedensfragen und als Afrika-Expertin. Heute ist sie Koordinatorin der Arbeitsgruppe Tschad in Berlin.
Zu Hause ist Claudia die Linke. Die Franks sind mehr oder weniger gut über die Wende gekommen, zwar mit beruflichem Abstieg, aber ohne Arbeitslosigkeit. "Mein Vater ist Pragmatiker", sagt Claudia, Bitterkeit über den Verlust der DDR zeigt eher die Mutter. Es gab Auseinandersetzungen, denn Claudia war punkig, trug Rastalocken und besuchte Antirassismuscamps, während sich in der Familie, so fand sie, eine eigenartige Veränderung der Gespräche bemerkbar machte, als existiere da ein geheimer Konsens, der nicht ihrer ist.

Vielleicht schämen sich beide füreinander

Und dann ist da noch der Bruder, Ronald. "Ich bin nicht so scharf darauf, ihn nach Politik zu fragen", sagt Claudia und: "Ich fand es schwierig, zu denken, dass ich einen Bruder habe, der rechts ist." Sie hat Angst, dass es schlimm sein könnte mit seinem Rechts-Sein. "Sehen Sie sich meine Schwester an", sagt Ronald. Vielleicht schämen sich beide füreinander. Es klingt trotzdem, als möge Ronald seine Schwester, nur kann er sie nicht verstehen.
Nach einem Modell der DDR-Generationen, das die Soziologen Thomas Ahbe und Rainer Gries entwickelt haben (Geschichte der Generationen in der DDR und in Ostdeutschland, 2007), wären Claudia und Ronald, Jahrgang 1973 und 1978, die typischen Wende-Kinder, "leistungsorientiert, pragmatisch, zugleich verunsichert über die eigenen Wurzeln und Zukunft". Doch Claudia ist noch auf der Schwelle zur vorangegangenen "entgrenzten Generation", die, so Ahbe/Gries, "die Wende zum biografisch besten Zeitpunkt" erlebte, weil sie bald einen Studien- oder Lehrabschluss nach westlichen Normen absolvieren und ins neue System einsteigen konnte. Es war offensichtlich auch für die Jüngeren essenziell, wann im eigenen Lebenslauf einen '89 erwischte.
Ronald war zur Zeit der Wende 11 Jahre alt, und sein Weg ins Vereinigte Deutschland war anders als der seiner Schwester, passiver vielleicht. Für ihn war es weniger ein Suchen und Kämpfen als ein Finden. Vielleicht wurde er auch gefunden von etwas. Aber er hat, wie Claudia, diese Energie, die sich in Politik umsetzt. Dass seine Schwester plötzlich weg war aus seinem Leben und der Plattenbauwohnung in Hohenschönhausen, im 13. Stock, wo man prima alle Westprogramme empfangen konnte, war höchstens schlimm, weil jetzt die Helferin im Fach Mathematik fehlte. Ansonsten störte es ihn nicht. "Ich hab kein gutes und kein schlechtes Verhältnis zu ihr", so schätzt Ronald es ein.

Der erste Walkman

Die Wende brachte den ersten Walkman, alle kauften einen vom Begrüßungsgeld, seiner war rot, das weiß Ronald noch. Stufenlos sei er vom Ost- ins Westsystem und gleichzeitig in die Pubertät gewechselt. Auch an seiner Schule gab es Lehrerwechsel und eine Lehrplanänderung, doch die Umstrukturierung verlief weniger drastisch als bei Claudia, seine Oberschule war keine ehemalige Kaderschmiede. Die alten Lehrer wurden durch junge, meist DDR-Lehrer, ersetzt und verschiedene Schulen zusammengelegt. Auch seine Eltern, sagt Ronald, hätten nach der Wende "gut die Kurve gekriegt", er habe jedenfalls keine Spannungen bemerkt. Der Pubertierende interessierte sich für das Übliche: Disco, Mopeds, mit Freunden herumhängen.
Erst nach 1990 hat er von Auschwitz gehört. An die antifaschistische Erziehung in der DDR kann er sich kaum erinnern, dafür war er zu jung, und von Auschwitz war nicht die Rede, aber "heute wird man ja damit zugebombt". Um 1993 herum hat er zum ersten Mal die Fahne der Freien Arbeiterpartei (FAP) gesehen, einer rechtsextremen Organisation, die später verboten wurde. Die Fahne gefiel ihm und die passenden Armbinden dazu auch. Ästhetisch war das, und er mag, sagt er, "die verbotenen Früchte schon gern", die Bösen im Film findet er immer besser als die Guten. Irgendwann 1994, da war er 16, hat ihn jemand zu Kameradschaftsabenden mitgenommen. 70 bis 80 Mann versammelten sich da in einem Saal und sagen SA-Lieder, "der Chef der FAP war ja ein tierischer SA-Fan". Diese Lieder hat Ronald zum ersten Mal gehört, er behielt lose Kontakte, mehr nicht, er ist nie Mitglied gewesen, er ist kein Vereinsmensch. "Ich bin politisch festgelegt, aber ich lasse mich nicht festlegen." 

Einen Knacks hat es Ronald gegeben, als die Familie 1995 in ein eigenes Haus nach Falkensee bei Berlin zog. Die Schüler im Gymnasium dort waren "linke Konsorten, Rastalocken und so", und weil Ronald ein altes Kriegerdenkmal saubergemacht hatte, war er gleich als Rechter verschrien. Er fand keine Freunde unter denen, die für ihn "Dorftrottel" waren. "Die fanden Berlin scheiße, ich fand ihr Drecksnest scheiße." Am Wochenende fuhr er zu den alten Freunden in die Stadt. Er hat sich, wie er sagt, in der Zeit auch gehenlassen, und am 14. Oktober 1997, das Datum weiß er noch, hat er die Schule und das Abitur abgebrochen.

Sie gehören hier nicht hin

Ronalds politische Meinung hat sich langsam entwickelt, verfestigt. Anfangs war es ein Interesse, er hat viel gelesen, und mit spätestens 21 hatte er die Überzeugungen, die er jetzt öffentlich sagen will: Deutschland hätte nach der Wende die Chance gehabt, eine nationale Demokratie zu werden, doch das ist eindeutig verpasst. Jetzt herrscht nur noch Beliebigkeit, Multikulti und Mischmasch. Man braucht aber etwas eigenes, und das Eigene ist die Nation, das Volk. Ronald macht einen klaren Unterschied zwischen Pass-Deutschen und ethnisch Deutschen. Es gibt ihm zu viele Muslime in Berlin, er hat nichts gegen andere Völker, aber sie gehören hier nicht hin. Was heute in den Schulen läuft, ist nicht normal, selbst Deutsche können nicht mehr richtig Deutsch. Das Holocaustmahnmal in Berlin hat er nicht besucht, aber er hofft, dass sich da beim Herumhüpfen mal jemand den Hals bricht und man das Ding aus Sicherheitsgründen schließen muss. "Sehen Sie die Hose, die ich anhabe?", fragt er. "Das ist eine Zimmermannshose, und die trage ich, weil es die nur bei uns gibt. Man sagt immer die Nazis hätten gleichgeschaltet, aber es ist die westliche Konsumkultur, die die Menschen gleichschaltet." Ronald macht sich Sorgen um die Globalisierung und um seine Schwester, mit welchen Menschen die umgeht. Sie hat ein komisches Verhältnis zu ausländischen Männern, "ich verstehe gar nicht, wie man so liberal sein kann, wenn man gleichzeitig emanzipiert sein will."


Nachdem er 1997 die Schule abgebrochen hatte, jobbte Ronald bei einer Tankstelle, ging zur Bundeswehr, die ihn schwer enttäuschte, "ein Luschenhaufen", machte danach eine Ausbildung zum Drucker, arbeitete aber nie in seinem gelernten Beruf. Seit vier Jahren ist er als Spüler in einer Großküche angestellt, "Steward nennt man das heute." Die Arbeit ist hart, aber das Geld stimmt. Irgendwann müsse er was anderes machen, auf Dauer gehe das nicht. Aber so leistungsorientiert wie seine Schwester sei er nicht, "mir fehlt ein Ehrgeiz zu bestimmten Zielen." Ronald wählt NPD, Claudia die Grünen. "Ich habe nicht mitbekommen, wie mein Bruder rechts geworden ist", sagt Claudia. Irgendwann ist es passiert, irgendwann, als sie weggegangen ist und er da blieb. Opponenten sind beide Geschwister, politisiert durch die Erfahrung von Entwertung. Dennoch würden sie keiner Partei beitreten. Sie wirken wie diametral auseinanderstrebende Pfeile einer gemeinsamen Achse, unterschieden in der Art und Richtung des Protests. Warum ging ihre Entwicklung in so entgegengesetzte Richtungen? Biografien sind komplexere Gebilde, Geschlecht spielt eine Rolle für die Art der Lebensentwürfe, ebenso die Psyche und die Familiengeschichte. Die soziologische Biografieforschung, die in mehreren Generationen denkt, kann zeigen, dass Kinder Konflikte wiederaufnehmen, die zwischen Eltern und Großeltern schwelten (Gabriele Rosenthal, Biografieforschung im Diskurs, 2005).

Claudias und Ronalds Biografien erklären sich auch aus einer Ausein_andersetzung mit der Geschichte Deutschlands. Nur, so scheint es, beziehen sie sich dabei auf verschiedene historische Epochen. Es gäbe noch viel zu fragen, um herauszufinden, warum die Wende den Geschwistern so Unterschiedliches "entdeckte", warum Claudia sagt, sie habe durch '89 "vom Stalinismus" erfahren, für sie ein Synonym für die Täuschung durch die DDR, während Ronald sofort angibt: "Ohne Wende hätte ich von Auschwitz nichts erfahren, ich hätte alles das nicht gelesen und gewusst". Auschwitz - das Wort schillert, wenn er es ausspricht, irgendwo zwischen Abwehr und Faszination.
Was wäre gewesen, wenn? Wenn es keine Wende gegeben hätte? Kaum vorstellbar. "Mit 21 verheiratet und mit 25 geschieden, frühe Mutterschaft", beschreibt Claudia den üblichen Weg für DDR-Frauen. Maschinenbau-Ingenieurin wäre sie geworden, nach Tschechien gegangen, und sie hätte sich sicher engagiert für eine Erneuerung des Sozialismus. Ohne Wende? Ronald weiß nicht so recht. Ein Systemträger wäre er nicht geworden, aber sicher hätte er sein Abitur gemacht und hätte einen technischen Beruf ergriffen. "Vielleicht wäre ich Umweltaktivist geworden", sinniert er. Umweltschutz ist das Einzige, worauf er sich mit seiner Schwester politisch einigen könnte. (ALBUM, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.09.2009)