Helmut Kohl, der "Kanzler der Einheit" , hat den Mauerfall eigentlich verpasst. In jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 war er nicht in Deutschland. "Wir sind am Vormittag des 9. November nach Warschau geflogen, um einen lange geplanten Besuch bei der neuen Regierung zu machen" , erinnert sich der damalige Vizechef des Kanzleramtes, Horst Teltschik, im Gespräch mit dem Standard. Mit dem neuen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki sollte das deutsch-polnische Verhältnis auf eine neue Grundlage gestellt werden. "Kohl war wegen der Massendemonstrationen in der DDR und der Fluchtbewegung aber sehr unruhig", beschreibt Teltschik die Stimmung.

Um 20 Uhr war ein großes Dinner angesetzt, das immer wieder von Nachrichten aus Berlin unterbrochen wurde. Schließlich gelang es, eine Telefonleitung ins Berliner Kanzleramt zu bekommen. Als Kohl hörte, was passiert war, entschied er: "Wir müssen nach Berlin." Um 23 Uhr stieß Kohl mit seinen engsten Mitarbeitern mit Krim-Sekt auf den Mauerfall an. "Seine Stimmung war sehr nüchtern und gefasst, während wir Mitarbeiter lachten und uns freuten", sagt Teltschik. Aber der Kanzler habe damals schon daran gedacht, was jetzt auf Deutschland und auf ihn zukommen werde. Tags darauf ging es von Warschau nach Hamburg. Dort wartete eine Militärmaschine der US-Streitkräfte, die Kohl nach Berlin flog, wo er auf einer Kundgebung zu den Menschen sprach. Ein direkter Flug nach Berlin war damals noch nicht möglich, das war den Alliierten vorbehalten. (bau, DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2009)