Jerusalem/New York/Teheran - Die israelische Regierung hat die USA wegen der neuen iranischen Atomanlage zum Handeln aufgefordert. "Wenn nicht jetzt, wann dann?", sagte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu am Samstag in einem Telefonat mit der demokratischen Präsidentin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Netanyahu sprach auch mit einer Reihe von Senatoren, wie am Abend aus seinem Büro verlautete. Wie er sich das Handeln der USA vorstellt, wurde nicht gesagt.

Zuvor hatte der israelische Außenminister Avigdor Lieberman geäußert, die neue Atomanlage beweise, dass der Iran nach Atomwaffen strebe. Die Anlage diene "ohne Zweifel" militärischen Zwecken, erklärte Lieberman am Samstag im israelischen Rundfunk. Die Anlage war bislang vom Iran geheimgehalten und erst am Montag in einem Schreiben an die Internationale Atomenergiebehörde IAEA (IAEO) offenbart worden. Nach iranischer Darstellung soll Brennstoff für Atomkraftwerke in der Anlage gewonnen werden. Israel sieht im Iran eine strategische Gefahr.

US-Außenministerin Hillary Clinton begrüßt unterdessen die Ankündigung des Iran, seine zweite Anlage zur Urananreicherung von der IAEA inspizieren zu lassen. Es sei "immer willkommen", wenn sich der Iran internationalen Regeln unterwerfe, sagte Clinton am Samstag vor Journalisten am Rande eines Treffens mit Kollegen aus den Golfstaaten in New York.

Unterdessen sagte der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad, das Bekanntwerden der Anlage nahe der Stadt Qom (Ghom) sei ein "harter Schlag" für den Westen. Zudem verwies er laut einer Meldung der Nachrichtenagentur ILNA nach seiner Rückkehr von der UN-Vollversammlung in New York darauf, dass US-Präsident Barack Obama in seiner Rede "Fehler" der vorangegangenen US-Regierungen eingeräumt habe. 

Brasiliens Lula verteidigt Atom-Rechte des Iran

Der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva unterstützt indessen das iranische Atomprogramm. Wie die spanische Zeitung "El Pais" am Wochenende in ihrer Internetausgabe berichtete, erklärte Lula nach einem Treffen mit dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad am Rande der UN-Vollversammlung in New York, sein Amtskollege habe ihm versichert, dass das iranische Atomprogramm ausschließlich zivilen Zwecken diene.

"Ich verteidige das Recht des Iran auf Atomenergie", fügte Lula hinzu. In gleichem Sinn hatte sich auch Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der Ahmadinejad als seinen Verbündeten bezeichnet, wiederholt geäußert. Anfang September hatten Venezuela und die Islamische Republik ein Abkommen über nukleare Zusammenarbeit unterzeichnet. 

Türkei will mit Iran über Atomprogramm sprechen

Türkeis Ministerpräsident Tayyip Erdogan will im kommenden Monat mit Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad über das umstrittene Atomprogramm der Islamischen Republik sprechen. Er werde dazu Ende Oktober in den Iran reisen, kündigte Erdogan am Samstag in New York an. Ein Iran-Besuch seines Außenministers Ahmed Davutoglu sei zudem für kommenden Donnerstag vorgesehen. Am selben Tag kommen Vertreter der fünf UN-Vetomächte und Deutschlands mit einer iranischen Delegation in Genf zusammen.

Erdogan sagte mit Blick auf neue Sanktionen, mit denen US-Präsident Barack Obama dem Iran gedroht hat, dass sie "nichts Gutes für die Menschen" im Iran bedeuteten. "Deshalb denke ich, müssen wir vorsichtig sein." Sanktionen gegen den Iran wären für den Nachbarn Türkei besonders problematisch. Der türkische Handel mit dem Iran beläuft sich laut Erdogan jährlich auf einige zehn Milliarden Dollar. (APA/AP)