Sofort die Steuern zu senken sei deshalb unmöglich, erklärt er Birgit Baumann.

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Standard: Die künftige Regierung startet mit der Last des größten deutschen Schuldenbergs aller Zeiten. Was bedeutet diese Bürde?

Hüther: Zunächst muss sie mal einen nüchternen Befund aufstellen, wie die finanzielle Lage tatsächlich ist. Im Moment malen ja viele täglich ein Schreckensszenario an die Wand und tun so, als stünden wir vor einem Riesenberg, den man kaum besteigen kann.

Standard: Sind Sie optimistischer?

Hüther: Die Zahlen sind nicht so dramatisch, wie es aussah. So wird die Wirtschaft 2009 um 4,5 Prozent schrumpfen, nicht wie angenommen um sechs. Wenn man die Konsolidierungsaufgabe festlegt und auch sagt, was man in welchem Zeitraum erreichen will, dann wird das Ganze schon leichter handhabbar. Es ist ja nicht so, dass der Haushalt schon bis Pfingsten 2010 konsolidiert werden muss.

Standard: An welchen Zeitraum denken Sie?

Hüther: Wir brauchen zehn Jahre zum Konsolidieren. Das hat schon einmal funktioniert. In den Achtzigerjahren haben wir Jahr für Jahr die Defizitquote um einen halben Prozentpunkt reduziert und so den Staatshaushalt relativ erfolgreich saniert. Nun sollte man 2011 beginnen und jährlich um 0,6 Punkte heruntergehen. Das wären im ersten Jahr fünf Milliarden, dann jährlich zusätzlich sechs bis sieben. Das ist nicht so außerhalb des Machbaren, wie viele suggerieren. Natürlich muss man sehr diszipliniert sein.

Standard: Die Minister Peer Steinbrück (Finanzen) und Karl-Theodor zu Guttenberg (Wirtschaft) stimmen die Bürger schon auf Kürzungen ein.

Hüther: Wenn Guttenberg sagt, man müsse von Liebgewonnenem Abschied nehmen, zielt er auf Subventionen ab. Davon werden jährlich 55 Milliarden vergeben. Da ist 20 Prozent Spielraum drinnen. Wenn man sich nicht auf einzelne Subventionen einigt, muss man mit dem Rasenmäher kürzen.

Standard: Reicht das schon aus?

Hüther: Man muss auch im Sozialhaushalt diszipliniert sein. Das funktioniert, indem man die Sätze für Hartz IV (Leistung für Langzeitarbeitslose, Anm.) nicht erhöht. Bei der Rentenversicherung sollte man Beitragssenkung anpeilen, was den Bundeszuschuss mitzieht.

Standard: Würden Sie, wie andere Ökonomen, auch dafür die 19-prozentige Mehrwertsteuer erhöhen?

Hüther: Das kann ich nicht nachvollziehen. Erstens signalisiert man damit, dass auf der Ausgabenseite nicht mehr gespart werden kann , was nicht stimmt. Zweitens würde man damit den beginnenden Aufschwung sicher abwürgen, da der Konsum einbräche.

Standard: Trotz der schwierigen Haushaltslage wurden im Wahlkampf Steuersenkungen versprochen. Sind die realistisch?

Hüther: Ich glaube nicht, dass man nach der Wahl kurzfristig große Steuersenkungen machen kann. Sie werden erst ab 2015 in zwei oder drei Stufen möglich sein.

Standard: Die Unterstützung der Regierung für Kurzarbeiter läuft aus. Muss die neue Regierung sie verlängern, um einen Einbruch am Arbeitsmarkt zu vermeiden?

Hüther: Das Kurzarbeitergeld ist nicht als Dauerlösung gedacht, weil die Unternehmen ja dadurch auch Kosten haben. Sie gingen im Frühjahr davon aus, Beschäftigung halten zu können, wenn der Aufschwung im Herbst erkennbar ist. Derzeit werden dadurch rund 450.000 Menschen in Beschäftigung gehalten. Wir rechnen nicht damit, dass sie alle arbeitslos werden. Über fünf Millionen Arbeitslose kommen wir nicht wieder. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2009)