Im Ohr die Taktik des Trainers, im Kopf die Bänkelgesänge der Schmieranskis: So funktioniert Fußball

Was, um Himmels willen, ist mit Österreich passiert? Das Team – des Österreichers liebstes Schmähobjekt – spielt mit sensationell jungen Kickern etwas, das schon sehr nach Fußball ausschaut. Vier Vereine schaffen den Schritt in die Europa League, einer davon mit einer wirklich beeindruckenden Leistung gegen einen Premier-League-Klub (!), um gleich in der ersten Runde den aktuellen Tabellenführer (!) der deutschen Bundesliga (!) regelrecht vorzuführen. Und was macht die Presse? Sie versucht, auf dem Boden zu bleiben.

Das darf doch nicht wahr sein: Das Ganze klang und klingt so besonnen, ja nüchtern, dass fast der schlimme Verdacht aufkommen könnte, man hätte gar mentale Anleihen beim deutschen Nachbarn genommen.

Ja, gut: Das wäre zu weit gegriffen. Klarerweise ist die mediale Zurückhaltung nichts anderes als der innige Wunsch, die Sache nicht zu verschreien. Das aber, das Verschreien, wäre die Kernaufgabe, der dann auf dem Fuß die zweite folgen kann, das Madigmachen. So jedenfalls funktionierte die Arbeitsteilung von Beginn an. So kam Hugo Meisl, der Vater aller Teamchefs, ja auch zu seinem Kampfbegriff: Schmieranskis.

Trainer wie Meisl oder dessen Urenkel Peter Pacult hielten und halten die Schmieranskis ja zu Recht für Trotteln, die, nach Max Merkels Wort, das Hüpfen des Balles auf den Umstand zurückführen, dass darin ein Frosch lebe.

Kein schlechtes Bild. Denn tatsächlich ist die Schmieranski-Pflicht nichts anderes, als aus den schlichten Umständen des Kickens jene Geschichten zu destillieren, die zusammen den Spielplan des größten Volkstheaters der Welt – Fußball eben – ergeben. Braucht einer dafür einen Frosch, dann soll es halt ein Frosch sein. Männer wie Meisl oder Pacult oder Merkel oder Ernst Happel verhalten sich dagegen zum Fußball wie ein Mechaniker zum Auto: kenntnisreich, aber unspektakulär.

Jetzt, da alle nichts verschreien wollen, sollte man doch auch auf die von der Ambivalenz le- bende Symbiose zwischen Presse und Fußball hinweisen. Oder zumindest daran erinnern.

Ein Glück – und zwar ausdrücklich nicht "g'rad noch ein Glück" -, dass dies jetzt ein Berliner übernommen hat. Sascha Dreier, der zeichnende Schmieranski von den 11 Freunden, hat einen wundervollen Comic-Band mit dem Titel Der Papierene gemacht, in dem eine gewisse Roxy aus Schottland vom Wiener Fußball der Zwanziger- und Dreißigerjahre erzählt. Hauptperson ist freilich nicht bloß der titelgebende Matthias Sindelar, sondern der quasi in Fleisch und Blut auftretende Hugo Meisl, der zusammen mit seinem englischen (und nur ideologisch schottischen) Trainer Jimmy Hogan so lange über ballesterischen Strukturen und Taktiken brütet, bis Roxys legendäres Wunderteam herauskommt.

Glaubt jedenfalls Meisl. In Wahrheit – und Sascha Dreier erzählt nichts als die Wahrheit – hatten da auch die Schmieranskis ihre Hand mit im Spiel. Denn dummerweise waren die Spieler, so wie heute, des Lesens mächtig. Da konnte der "Verbandskapitän" predigen, was er wollte, die Spieler glaubten lieber den Unsinn, der in der Zeitung stand, sodass auf dem Feld dann eine Mischung von strengsten taktischen Anweisungen und angelesener Grazie entstand: eben das Wunderteam, das Hugo Meisl, sein Vater, mit dem resignativen Slogan "Spüüts euer Spüü" auf die Reise schickte.

Ohne jetzt was verschreien zu wollen und weit entfernt von jeder Eigenwerbungsabsicht: Dietmar Constantini sollte die Seinen zum intensiven Zeitungslesen anhalten, vor allem zum sorgfältigen Studieren der beliebten Netzwerkanalysen des Standard. Aus so was, lehrt die Geschichte, wächst nämlich spielerische Klarheit. Und alles andere wäre ja bloß primär. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 28.09.2009)