München/Frankfurt/Berlin - "Süddeutsche Zeitung" (München): Angela Merkel hat nun die Koalition, die sich ihre Partei gewünscht hat. Der Kanzlerin schmeckt die kleine Koalition nicht, aber sie muss so tun, als ob es so wäre. Künftig kann sie sich nicht mehr hinter der SPD verstecken. Spielt die Kanzlerin weiter die Rolle der Mutti der Nation, hat sie Schwierigkeiten mit der FDP und mit ihrer Partei. Wird sie aber zur eisernen Lady, verliert sie ihr Renommee und ihre Reputation in der Bevölkerung. Das heißt: Die goldenen Zeiten der Angela Merkel sind vorbei. Die CDU hat nun lange von der Schwäche der SPD profitiert und ihre Stärke vor allem daraus bezogen; es war eine geliehene Stärke. Der Verfall der SPD ließ die Union stärker aussehen, als sie war: Die CDU erodiert, die CSU in Bayern auch. Die schwarze Volkspartei verblasst so, wie die rote schon verblasst ist. Die politische Mitte wird neu besetzt - mit den mittelgroßen Parteien.

"Frankfurter Rundschau":

Der Niedergang der Volksparteien ist die Überschrift dieser Wahl, er hat die SPD zu einem Schatten ihrer selbst gemacht. Die Sozialdemokratie steht vor existenziellen Umwälzungen. Sie wird den Status einer Volkspartei endgültig verlieren, wenn sie diese Situation weiter zu ertragen sucht, wenn sie sich bei jeder Wahl in eine große Koalition retten will. Die Sozialdemokratie steht nach elf Regierungsjahren mit begrenztem Spitzenpersonal vor einem Neuanfang. Wie begrenzt das Personal ist, sieht man daran, dass Frank-Walter Steinmeier trotz des historischen Debakels bleiben soll. Mit oder ohne ihm muss die SPD mit einer taktischen und programmatischen Offensive einen Teil der Linken-Wähler zurückgewinnen. Es ist ihre Chance in der Opposition. Ihre einzige.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

(...) Der Regierung Merkel II wird eine linke Phalanx entgegentreten, wie man sie in diesem Land schon lange nicht mehr gesehen hat. Ob es dieser Macht gelingt, die Verkrustungen der großen Koalition von der CDU abzusprengen und den wahren Kern der Angela Merkel ans Tageslicht zu bringen? Die FDP jedenfalls stünde einer Reformerin nicht im Wege. Endlich dürfte die CDU-Vorsitzende auch als Kanzlerin so sein, wie sie es als Kandidatin einmal sein wollte. Welche Angela Merkel dieses Land künftig regiert - das ist eine weit spannendere Frage als die, ob es dafür nur mit Überhangmandaten reicht.

"tageszeitung" (Berlin):

"Klar ist: Ab jetzt ist die präsidiale, sozialdemokratische Kanzlerin Merkel passé. Denn die Druckverhältnisse bei Schwarz-Gelb sind andere als in der großen Koalition. FDP und CDU-Wirtschaftsflügel zielen auf einen neoliberalen Umbau, die CSU ist dafür und dagegen. Wenn sich der Nebel gelichtet hat, wird zum Vorschein kommen, worum es in den nächsten vier Jahren geht: weniger sozialer Ausgleich, Steuersenkungen für Besserverdienende, finanziert durch eine höhere Mehrwertsteuer für alle. Genau dafür ist die FDP gewählt worden und wird dies die Kanzlerin auch spüren lassen. 2005 hat Merkel davon geträumt, Deutschland 'durchzuregieren'. Die Chance, dies nun zu tun, ist größer denn je. Auch weil die SPD keine vitale, selbstbewusste Opposition sein wird."

"Tagesspiegel" (Berlin):

"Nun ist es also schon das zweite Mal, dass die Union die Kanzlerin stellen kann, und wieder kommt sie mit einem blauen Auge davon. Es wird darum sein wie beim vergangenen Mal: Alle in der Führungsentourage wissen, dass Wahlkampf so nicht geht; dass die CDU so nicht ist; dass sie sich selbst verliert, ihren Kompass, ihr Fundament; dass sie nurmehr als 'Die Moderaten' antritt - aber alle werden fein stille bleiben. Sie werden im Präsidium Angela Merkel applaudieren, ihr gratulieren. Und Ende. Was sie betrifft. Denn entscheidend ist doch, was hinten rauskommt, nicht wahr? Wer dagegen anginge, der würde rasiert. Das ist bekanntermaßen die große Stärke der bisherigen und künftigen Kanzlerin." (APA)