St.Pölten - Im österreichischen Tanz drehen sich die Karusselle. Neben dem Intendanzwechsel im Tanzquartier Wien (siehe Interview oben) hat sich auch das Festspielhaus St.Pölten unter der neuen Leitung von Joachim Schlömer ein neues Gesicht verpasst. 2010 geht es weiter im Wiener Opernballett mit der Direktion von Manuel Legris, der den nach der laufenden Saison scheidenden Gyula Harangozó ablöst.

Schlömer bringt auch gehörig frischen Wind in die Tanzaktivitäten des Festspielhauses. Der Beliebigkeit unter Vorgänger Michael Birkmeyer folgt eine erkennbare Handschrift in der Programmierung. Joachim Schlömer, der sich in Deutschland als Choreograf einen Namen gemacht hat, lädt mit Sidi Larbi Cherkaoui und Akram Khan Stars ein, aber er bringt ebenfalls originelle Formate wie ein "Beschwerdemusical" als Laborpräsentation oder zwei Arbeiten der Koreanerin Eun-Me Ahn.

Darüber hinaus bezieht er das urbane Bewegungskonzept des Parkour mit ein und serviert ein Stück des amerikanischen Experimentellen John Jasperse.

Aus dem üppigen Programm, dem entschiedenen Zugang zum Tanz und zur Kommunikation mit dem Publikum spricht ein Engagement, das nicht auf Plansollerfüllung zielt. Betont progressive Formen der zeitgenössischen Choreografie werden zwar vermieden, aber das Haus schreitet trotzdem einen großen Schritt vorwärts.

Das Tanzquartier Wien, das als international renommiertes Haus für avancierte Choreografie in einer anderen Liga spielt, ist da im Vergleich vorsichtiger. Walter Heun folgt einer überaus starken Vorgängerin nach und will sich, wie Schlömer auch, verstärkt aktiv der Betreuung des Publikums annehmen.

Er hat die Anzahl der Vorstellungen reduziert, tüftelt noch an Spezialprojekten und sucht nach einer eigenen Identität im wichtigen Research-Programm.

Was sich ab Herbst 2010 unter dem Pariser Tänzerstar Legris im Wiener Opernballett ändern wird, ist noch nicht klar. Erwartet wird allerdings eine deutliche Steigerung der Qualität sowohl der Tänzer als auch der Stücke an der Staats- und der Volksoper. (ploe, DER STANDARD/Printausgabe, 29.9.2009)