Präsentation der "Sejil-2": einer zweistufigen Rakete mit mehr als 2000 km Reichweite. Experten warnen, sie könnte Europa erreichen.

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Teheran/Wien - Wenige Tage vor den neuen Gesprächen im Atomstreit präsentiert der Iran seine militärische Schlagkraft: Teheran testete am Montag laut dem iranischen Press TV Mittelstreckenraketen vom Typ Shahab-3 und Sejil. Die Revolutionsgarden, die das Raketenprogramm betreiben, setzten damit eine am Sonntag begonnene Testserie fort, die Politiker und Experten in Europa, den USA und auch Moskau alarmiert. EU-Chefdiplomat Javier Solana zeigte sich "sehr besorgt".

Die schwedische EU-Ratspräsidentschaft sieht bisher allerdings kein Hindernis für die an diesem Donnerstag in Genf geplanten Gespräche zwischen Teheran und Vertretern des UNO-Sicherheitsrates sowie Deutschlands.

Mit diesen Raketen ist der Iran Experten zufolge in der Lage, Israel, regionale US-Basen und auch osteuropäische Staaten zu erreichen. Die Shahab-3-Rakete hat laut Georg Mader vom renommierten Militär-Fachblatt Jane's Defense eine Reichweite von "unter 2000 Kilometern". Die Sejil-2 komme dagegen auf "sicher über 2000 Kilometer" - "das Gefährlichste, das die Iraner derzeit haben". Das reiche aus, um die Schwarzmeerküste Rumänien und Bulgariens zu erreichen, so Mader zum Standard, wenn die Raketen im Westen des Iran abgefeuert würden.
Burgenland in Reichweite

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Israelische Experten schätzen die Reichweite der Sejil-2 auf bis zu 2500 Kilometer. Damit könnte der Iran schon das Burgenland erreichen, sagt Mader. Die Sejil-2 wurde erstmals im Mai dieses Jahres erfolgreich getestet - einen Tag, nachdem das EastWest-Institute in New York eine gemeinsame amerikanisch-russische Analyse des iranischen Bedrohungspotenzials veröffentlicht hatte.

Im Gegensatz zur Shahab-3 wird die Sejil mit Fest- und nicht mit Flüssigbrennstoff betrieben. Damit wird die Rakete präziser, leichter zu handhaben und muss nicht vor dem Einsatz stundenlang aufgetankt werden - was sie nicht der Gefahr aussetzt, von Drohnen, Satelliten oder Flugzeugen lange vor Abschuss entdeckt zu werden.

Keine Drohung gegen Europa

Die Experten vom EastWest-Institut kamen im Mai zu dem Schluss, dass von den iranischen Kurz- und Mittelstreckenraketen keine unmittelbare Gefahr ausgehe. Teheran hat nie damit gedroht, Europa oder die Vereinigten Staaten anzugreifen. Dagegen richtete der iranische Verteidigungsminister Ahmad Vahidi erst am Montag eine deutliche Warnung an Israel: Sollte das Land den Iran angreifen, beschleunige das nur "den letzten Atem" des "zionistischen Regimes", sagter er im Staats-TV.

In Militärkreisen wird kritisiert, dass sich Europa auch mit dieser "theoretisch-technischen Bedrohung" nicht ausreichend beschäftige. Das EastWest-Institut bescheinigte Europa, selbst mit dem geplanten Raketenschild nicht ausreichend geschützt zu sein. Nach dem US-Rückzug aus diesem Projekt, so Mader, "sollte das Europa umso mehr interessieren". Die Politik habe bisher kaum reagiert.

Einig sind sich die meisten Experten darin, dass der Iran in den vergangenen anderthalb Jahren große Fortschritte in der Raketentechnologie gemacht hat. "Diese Entwicklung, die wir uns früher nicht vorstellen konnten, läuft sehr aktiv", zitierte die Agentur Interfax Generalmajor Wladimir Dworkin von der Moskauer Akademie der Wissenschaften.

Nach russischen Informationen forsche der Iran mit Hochdruck an Raketen mit bis zu 5500 Kilometern Reichweite. Die Sejil ist bereits eine zweistufige Rakete, die laut iranischen Angaben nach dem ersten Test bereits produziert wird. Mehrstufige Raketen erreichen mehr Höhe und haben damit eine größere Reichweite und mögliche Nutzlast. Mit einer zweistufigen Trägerrakete hat der Iran im vergangenen Jahr auch einen Satelliten gestartet.

Mit zunehmender Reichweite wird es für den Iran aufgrund der Landesgröße jedoch auch schwieriger, die Raketen zu testen. Die USA und die Europäer befürchten, dass der Iran heimlich nach Atomwaffen strebt und dafür auch an der Entwicklung von Nuklearsprengköpfen arbeitet.
 (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2009)