Graz/Istanbul - Der 17-fache türkische Fußball-Meister Galatasaray Istanbul muss für den steirischen Bundesligisten Sturm Graz am Donnerstag (21.05 Uhr) im zweiten Spiel der Europa-League-Gruppenphase keine unüberwindbare Hürde sein. Dass haben die Grazer selbst schon einmal eindrucksvoll bewiesen. Beim bisher letzten Auftritt im Ali-Sami-Yen-Stadion hatten die "Blackies" unter Coach Ivica Osim ein 2:2-Remis geholt und als Gruppensieger mit dem Aufstieg in die Champions-League-Zwischenrunde einen österreichischen Meilenstein gesetzt.

"Das Spiel wird mir immer in Erinnerung bleiben", sagte Sturms Rekordspieler Günther Neukirchner. Am 7. November 2000 hatten Libero Neukirchner und Co. (darunter auch der jetzige Tormanntrainer Kazimierz Sidorczuk) trotz zweimaligen Rückstandes dank eines Kopfball-Treffers von Sergej Juran (64.) sowie eines Eigentors von Hakan Ünsal (80.) vor ausverkauftem Haus ein 2:2 erkämpft und als erstes ÖFB-Team überhaupt den Sprung in die Zwischenrunde der Eliteliga geschafft.

Nichtangriffspakt im Hexenkessel

"Für alle vier Mannschaften ist es damals noch um den Aufstieg gegangen. In der Schlussphase haben beide Teams gewusst, dass sie mit dem 2:2 weiter sind, da hat es quasi einen Nichtangriffspakt gegeben", erinnerte sich Neukirchner. Von der Kulisse im Ali-Sami-Yen-Stadion war der Abwehrspieler schon damals angetan. Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert, wovon sich der 37-Jährige vor rund zwei Wochen als Beobachter in Diensten der Grazer beim Lokalderby Galatasaray - Besiktas (3:0) selbst überzeugen konnte. "Es ist ein echter Hexenkessel. Die Fans machen ab der ersten Minute tolle Stimmung", berichtete Neukirchner.

Am Donnerstag sei es daher wichtig, dass sich Daniel Beichler und Co. nicht von der Kulisse beeindrucken lassen. "Du musst das völlig ausblenden. Es ist aber schwierig, sich darauf einzustellen, da du in Österreich meist nur in kleineren Stadien spielst", gab Neukirchner zu bedenken. Der Bundesliga-Vierte der Vorsaison hat aber bereits in Charkiw (1:0) in der letzten Qualifikationsrunde vor ähnlicher Zuschauerzahl (allerdings in einem halbleeren Stadion) bewiesen, jederzeit für eine Überraschung gut zu sein.

"Damals waren wir ausgeglichener"

Die Chancen dafür stehen für die Steirer verständlicherweise nicht so gut wie in den glanzvollen Champions-League-Zeiten. "Damals waren wir ausgeglichener, von jedem Spieler ist Gefahr ausgegangen. Außerdem hatten wir schon 17 Champions-League-Spiele in den Beinen, da tut man sich schon leichter", meinte Neukirchner. Im Vergleich dazu habe man bei der 0:1-Europa-League-Auftaktniederlage gegen Dinamo Bukarest gesehen, dass es problematisch wird, wenn sich zwei außergewöhnliche Spieler wie Beichler und Jakob Jantscher nicht in Szene setzen können.

"Galatasaray ist der Favorit in der Gruppe, hat eine sehr starke Mannschaft mit tollen Einzelspielern wie Keita, Kewell, Baros oder Elano. Auswärts werden die Chancen nicht so groß sein, aber auch sie sind fehleranfällig", charakterisierte Neukirchner den vom niederländischen Starcoach Frank Rijkaard betreuten türkischen Traditionsclub. Mit 17 Titeln (zuletzt 2008) ist Galatasaray, das auch einmal den UEFA-Cup sowie UEFA-Supercup (jeweils 2000) gewonnen hat, gemeinsam mit Fenerbahce Rekordmeister.

Neukirchner hat 421 Partien für die Grazer absolviert und arbeitet mittlerweile als Co-Trainer des Amateurteams, das seit dieses Saison in der Regionalliga Mitte engagiert ist, und aus dem in den nächsten Jahren wieder hoffnungsvolle Talente den Sprung nach oben schaffen sollen. "Der Franco (Trainer Foda/Anm.) ist für mich ein lehrreiches Beispiel. Er hat auch einige Jahre gebraucht, um erfolgreich zu sein, und seine Ausbildung fertiggemacht. Das ist auch meine Intention", meinte Neukirchner, der gerade mitten in der Trainerausbildung steckt und für den sowohl ein Job als Cheftrainer als auch einer in der zweiten Reihe denkbar wäre.

Foda: "Nur noch 2:1-Außenseiter"

Der Optimismus von Franco Foda ist nach seiner Spionagereise gestiegen. Der Sturm-Coach war am Sonntag in Istanbul Augenzeuge des 1:1 von Galatasaray vor eigenem Publikum gegen den Tabellenvierten Eskisehirspor. "Davor habe ich geglaubt, wir sind 10:1-Außenseiter, jetzt glaube ich, dass wir nur noch 2:1-Außenseiter sind", erklärte der Deutsche.

Foda sah nach eigenen Angaben eine offensivstarke Galatasaray-Mannschaft, die aber auch Schwächen im Abwehrverhalten offenbarte. "Wir sind sicher nicht schlechter als Eskisehirspor. Ich traue uns zu, dass wir in Istanbul punkten", meinte der Betreuer.

Wie Foda erfuhr, wird der türkische Rekordmeister am Donnerstag in einem mit rund 23.800 Zuschauern ausverkauften Ali-Sami-Yen-Stadion gegen Sturm Graz antreten. Zum Auftakt der Gruppe F feierte Galatasaray einen 3:1-Auswärtssieg gegen Panathinaikos, allerdings bedeutete das 1:1 in der siebenten Runde am Sonntag den ersten Punkteverlust in der laufenden Liga-Saison und gleichzeitig auch den Verlust der Tabellenführung an den Stadtrivalen Fenerbahce. (APA)