Schwester Claudine aus dem Senegal erzählt in Österreich über den toleranten Umgang mit Religion.

Foto: Heribert Corn

Wien/Dakar - In der Republik Senegal ist die Bevölkerung zum größten Teil muslimisch. Doch wenn junge Männer aus dem westlichsten Land Afrikas auf Brautschau gehen, sehen sie sich häufig zuerst in katholischen Kreisen um. Denn hier haben junge Frauen Dank Ausbildungsprogrammen der Kirche eine höhere Bildung. Katholische Schulen erfreuen sich trotz staatlicher Schulreform mit Gratisunterricht eines wachsenden Zulaufes von muslimischen Mädchen. "Muslime und Christen in einer Klasse, da gibt es überhaupt kein Problem", meint Schwester Claudine Marie Ndione, die Direktorin des Ursulinen-Kollegs in Thiès, rund 90 Kilometer östlich der Hauptstadt Dakar.

Derzeit tourt die Ordensschwester auf Einladung der Päpstlichen Missionswerke Österreich (Missio) durch die Alpenrepublik, um vor allem in Schulen Einblicke in die Gesellschaft ihrer Heimat zu geben. Die freundliche und offene Art der 38-Jährigen fasziniert aber nicht nur Kinder. Vielleicht hat das auch mit dem "Modell Senegal", wie die Einheimischen selbst ihren toleranten Umgang mit Religionen nennen, zu tun.

Im Human Development Index (Wirtschaft, Lebenswerwartung und Bildung) liegt der Senegal in der untersten Kategorie. 60 Prozent der fast zwölf Millionen Einwohner können weder lesen noch schreiben, bei Frauen liegt der Anteil der Analphabetinnen bei 70 Prozent. Viele junge Leute versuchen ihr Glück in Europa - und landen im Elend von Flüchtlingslagern. Missio hat deshalb den Senegal auch als Schwerpunktland für den heurigen Weltmissions-Sonntag am 18.Oktober ausgewählt.

Von der weltweit größten Spendenaktion werden unter anderem auch fünfzig Schülerinnen von Schwester Claudine profitieren, die sich den Schulbesuch sonst nicht leisten könnten. Das jährliche Schulgeld beträgt umgerechnet rund 230 Euro, für arme Familien gibt es Sondertarife.

"Wirtschaftshilfe geht ins Leere, wenn sie nicht Hand in Hand mit Bildung geht", betont Missio-Nationaldirektor Leo-M. Maasburg. Bestes Positiv-Beispiel ist Schwester Claudine selbst. Das Collège Sainte Ursule in Thiès, das sie heute leitet, hat sie selbst besucht. Damals war der Anteil von muslimischen Schülerinnen noch klein, heute sind Katholikinnen in der Minderheit. Im Zuge ihrer Ausbildung ist Schwester Claudine weit herumgekommen: In Rom und in Kanada hat sie Theologie und Erziehungswissenschaften studiert. Was ihr in wohlhabenden Ländern aufgefallen ist: "Die Menschen sind arm und reich zugleich. Sie können sich zwar alles leisten, sind aber in ihrem Inneren immer auf der Suche nach etwas." (Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2009)