Fuckhead, fast anonym: Die Musiker-Performer der österreichischen Hardcoreband befassen sich in ihrer Arbeit "Carnival of Souls" mit den Abgründen der Figuren Hieronymus Boschs. Zu sehen am 22. und 23. Oktober im Brut im Künstlerhaus.

Foto: Peter Bittermann

Doris Uhlich folgt in "Johannen" den Spuren religiöser Berufung.

Johanna von Orléans wurde 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Damit hat die Inquisition einen Körper ausgelöscht, in den irgendwann in früher Jugend eine religiöse Berufung gefahren ist, die sich in politischen Taten äußerte. Heiligenvisionen im Teenageralter gaben Jeanne d'Arc zu verstehen, sie sei die Erwählte, die ihr Heimatland Frankreich von den Engländern befreien und den Dauphin zum Thron zu führen solle.

Als Figur, die Religion und Politik in sich vereint, ist Johanna von Orléans eine Idealbesetzung für den Themenschwerpunkt "Religion und Revolution" des Wiener Koproduktionshauses Brut. Gleich in 18-facher Ausführung nimmt sie in Doris Uhlichs Choreografie Johannen Aufstellung. Uhlich zählt seit ihren grandiosen Arbeiten und und zu den tatkräftigsten heimischen Regisseurinnen und Performerinnen und wird jetzt auch international entdeckt. Ihre Johannen entstanden als Koproduktion zwischen den 15. Internationalen Schillertagen Mannheim und Brut Wien. Premiere ist morgen, Freitag.

Was ist von einem von Jungfräulichkeit, Nationalismus und Kämpfertum definierten Körper einer Märtyrerin heute übriggeblieben? Wo und wie wird Patriotismus oder Opfertum an unseren Körpern sichtbar? Uhlich hat sich auf Recherche begeben und stellt nun18 Laiendarstellerinnen als multiple Johannen vor, darunter eine Wahrsagerin, eine Soldatin, eine Ordensschwester und Ballerinen. Im Anschluss an die letzte Vorstellung am 4. Oktober spricht Uhlich mit der feministischen Theologin und Ethikerin Michaela Moser.

Gruselig wird es dann mit den Linzer Metal-Musikern Fuckhead. Die Auftritte der anno 1988 als Industrial-Duo gegründeten Extremisten hatten immer schon performativen Charakter. Selbstverstümmelung und damit einhergehender Lärm waren die Komponenten eines gegen die Konsenskultur arbeitenden Aktionismus. Der Körper ist hier Austragungsort und Ausdruck von Leid und Schmerz.

Die Grenzen des Leibes (und seine Erlösung) loten die entblößten Männer von Fuckhead nun erstmals im Brut aus. Sie testen aus, wie sich Hieronymus-Bosch-Figuren gefühlt haben müssen: Die von größter innerer Unruhe gezeichneten Fratzen von Menschen und Fabelwesen aus dem Werk des spätmittelalterlichen Malers, die grotesken wie grausamen Motive seiner Gemälde, gelangen bei Fuckhead auf säkulares Gelände.

Gefolgt wird dem Gedanken Michael Bachtins, der meint, die schwer definierbaren Bosch-Figuren bzw. deren Körper seien nie abgeschlossen, sondern befänden sich in steter Mutation. Sie fliehen sich selbst. Und da kommt bei Fuckhead irgendein Schleim ins Spiel, mit dem Körper verbunden werden. Mehr will man gar nicht wissen. Gekoppelt wird das alles mit – nun ja – Reminiszenzen an den auch hier titelgebenden Horrorfilm Carnival of Souls (1962), der das Zwischenstadium von Sein und Nichtsein an einer tödlich verunfallten Organistin exerziert.

Um auf die zwei Fuckhead-Spieltermine richtig einzustimmen, setzt Brut rechtzeitig davor, am 18. Oktober, einen Thementag an, bei dem das Schwerpunktthema "Religion und Revolutions" in unterschiedlichen Formaten vertieft wird. Elisabeth von Samsonow hält einen Vortrag – Titel: Hebel im Jenseits ansetzen. Zu Schein und Wahrheit höherer Legitimation in Religion und Politik; die israelische Formation Public Movement hinterfragt in ihren "public choreographies" Ordnungen des öffentlichen Stadtlebens, und Musik (Mariahilff, Arbeit) ist auch dabei.

"Transkatholisch" wird es zuvor noch bei Gini Müller. Die Performerin und Wissenschafterin entwirft (gemeinsam mit Sabine Marte und Peter Kozek) frei nach Pier Paolo Pasolinis Film Große Vögel, kleine Vögel (1966) eine queere Posse, die nach religiösen und politischen Utopien Ausschau hält: Transkatholische Vögel. (Margarete Affenzeller, SPEZIAL – DER STANDARD/Printausgabe, 01.10.2009)