Von li. oben: Der Unternehmer Cao Jiaju, der Schneider Wang Dang, die Studentin Wu Yiajie, die Bäuerin Yang Mei, der Sprecher Qin Gang.

Fotos: pra
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Eindrücke aus China am Vorabend der großen Feierlichkeiten.

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Peking/Schanghai/Kunming - Akkurat richtet Herr Wang den steifen Kragen zu recht. Er streicht über die Schulterpartie, nestelt an den vier außen aufgenähten Taschen herum, zieht an der Knopfleiste. Dann sitzt der ausgestellte Mao-Anzug wieder so schneidig, wie es sich bei Hong Du gehört. Beim Maßschneider der chinesischen Nomenklatur in Peking gehen wieder mehr Order für die Mao-Kluft ein. "Die alten Soldaten bestellen sich für die Feierlichkeiten ein Stück" , sagt Wang Dang, der Meisterschneider der staatlichen Manufaktur gerührt. Nationalstolz, Nostalgie und Geschichtsvergessenheit sind dieser Tage in China nicht zu trennen.

1949 ist Hong Du, "Die Marke der Erfolgreichen" , gegründet worden. Im gleichen Jahr wie die Volksrepublik China. Und Mao Tsetung, der Staatsgründer, war der vornehmste Kunde Hong Dus. Er hat einmal gesagt: "Das chinesische Volk ist wie ein weißes Blatt Papier, auf das man die schönsten Zeichen malen kann." das hat der große Vorsitzende in der Tat getan. Und das versuchen nun auch seine Nachfolger.

Gigantische Testanordnung

Das Land ist wie eine gigantische Testanordnung, in der die Politmaschinisten in Peking die Hebel nach Belieben umlegen. Die Technokraten an der Staatsspitze versuchen sich als Ingenieure der "Harmonie" , ein Begriff unter den alles passt und der alles zulässt - außer das Infragestellen der herrschenden Kommunistischen Partei.

Wie in einem Themenpark sind Hightech-Entwicklungszonen, Business-Development-Zentren oder touristische Hoffnungsgebiete abgezirkelt. Es geht darum, zu zeigen, was aus dem Land in den vergangenen 60 Jahren geworden ist. Was wie schnell, wie groß, wie hoch gemacht werden kann. Es geht um bedingungslose Stabilität und Entwicklung, Milliardeninvestitionen und Billiardengeschäfte. Es geht darum, die Zukunft zu umarmen, was immer der Preis dafür ist. Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen, Autoritarismus, oder gnadenlose Ressourcenausbeutung.

Peking, Fulink Tower, ein hässlicher, dunkel gehaltener Raum für Arbeitsessen. Angekündigt wird Qin Gang als "sehr berühmter Mann, der jeden Tag im Fernsehen ist" . Sein Auftritt lässt die anwesenden Chinesen erstarren. Der 43-Jährige ist nicht nur ein berühmter, er ist auch ein mächtiger Mann: Karrierediplomat, stellvertretender Generaldirektor der Informationsabteilung und Pressesprecher des Außenamts. Qin knipst ein routiniertes, undurchschaubares Lächeln an. Er strahlt die Selbstgewissheit eines Bürokraten aus, der für ein Volk von 1,3 Milliarden Menschen spricht .

"Wir brauchen eine stabile Gesellschaft, ohne diese Voraussetzung gibt es kein Entwicklung" , sagt Qin. China sei auf dem besten Weg, eine "harmonische Gesellschaft" zu werden, in der Gleichheit, Recht und Ordnung herrschten. In der Öffnungspolitik sei die Demokratisierung der Kern der Reformen. Peking wolle die Bürger mehr einbinden, sie dazu bringen, ihre verfassungsmäßig garantierte Meinungsfreiheit zu nutzen und auch die Regierung - solange dies nicht gegen das Gesetz verstoße - zu kritisieren. Sogenannte politische Dissidenten gebe es nicht. Ob ein chinesischer Bürger zu den Republiksfeierlichkeiten am Tiananmen-Platz mit einem Transparent erscheinen darf, das an die hunderten Toten der Studentenproteste von 1989 erinnert? "Natürlich. Wenn er dafür eine Genehmigung der Polizei dafür einholt." Würde er eine solche Genehmigung denn erhalten? "Das muss die Polizei entscheiden" , sagt Qin, und jeder am Tisch weiß, dass eine Genehmigung so wahrscheinlich ist wie die Abschaffung der KPCh.

Pragmatischer Autoritarismus

Die Gemeinschaft zählt. Der Einzelne ist wenig wert. Jeder Mensch hat individuelle (Menschen-)Rechte? Das ist relativ in China, wo 1,3 Milliarden Menschen satt werden müssen und eine Partei mit pragmatischem Autoritarismus rücksichtslos dafür sorgt, weil sie ihren Machtanspruch nicht gefährden will. Großprojekte wie Olympia, die Expo 2010 in Schanghai, Investitionen in Energie- und mitunter auch Hightechwirtschaft sorgen dafür, dass die Wirtschaft auch in der Krise brummt. Dass die Umweltkosten das hohe Wachstum egalisieren, ist den Chinesen bewusst. "Das beheben wir" , heißt es zukunftsfroh in Pekings Wirtschaftszirkeln.

In der Tat haben es hunderte Millionen Menschen seit Den Xiaopings Öffnungspolitik vor 30 Jahren geschafft, aus der Armut zu kommen. 700 Millionen Chinesen leben noch immer auf dem Land, es würde nur ein Siebentel von ihnen brauchen, um eine effiziente Landwirtschaft zu betreiben. Dieser Menschenüberschuss und die ethnischen Zentrifugalkräfte sind die großen ungelösten Probleme, über denen die Kader in Peking trotz aller Feierlaune brüten, während sich hunderte Millionen Chinesen um Freunde, Familie, Karaoke und ums Geldverdienen kümmert.

Cao Jiaju geht es vor allem um Letzteres. Er blinzelt in die Abendsonne von Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan im äußersten Westen. Der Direktor hat sich eigens aus seinem Büroturm in den Hof bemüht. "Fragen sie, fragen sie mich alles was sie wollen" , sagt er zu den Fremden, die eben seine Dihon Pharmaceuticals Ltd besucht haben. Cao, ein Pharmazeut, ist 70 Jahre alt und seit 50 Jahren bei der KP. Nach seiner Pensionierung hat er mit drei Kollegen, 280.000 Yuan Ersparnissen und einem amerikanischen Partner Dihon gegründet. Heute hat das Unternehmen mehr als 400 Mitarbeiter und setzt 600 Millionen Yuan (60 Millionen Euro) mit Hautcremes und Tinkturen um.

Über Mao, den großen Sprung nach vorn oder die Kulturrevolution denke er nicht nach. Er kümmere sich lieber darum, wie Dihon den Umsatz steigern kann. "Ich verstehe nicht, wieso ihr Westler immer mit Tiananmen und den ganzen alten Geschichten daherkommt. Lasst uns nach vorne schauen, in die Zukunft." Wozu es im China von heute denn überhaupt noch eine Kommunistische Partei brauche? "Sie muss die Rechte der Arbeiter vor den Bossen schützen" , sagt der Großunternehmer mit dem Parteibuch.

Eine Flugstunde weiter, in Aka Lao am Goldenen Dreieck, regnet es in Strömen. Es ist keines dieser Vorzeigedörfer, mit getrimmten Hecken und befestigten Straßen. Schwere Dongfeng-Lkws wühlen sich durch den Schlamm. Yang Mei macht sich mit ihrem Sohn Mo Ga Zhang auf dem Rücken auf den Weg, um die Schweine zu füttern. Es gehe ihr und ihrer Familie gut, sagt die schüchterne 20-Jährige, die nur schwer glauben kann, dass sich plötzlich jemand aus dem Westen für sie interessiert. Viel sei in den vergangenen Jahren nicht besser geworden, aber mit ihren Kautschuk-Bäumen und Reisfeldern kämen sie gut über die Runden. 2000 Yuan habe die Familie im Monat zur Verfügung, sie und ihr Mann könnten sich sogar einen kleinen Lastwagen leisten.

In die Stadt, wie die geschätzten 200 Millionen Wanderarbeiter, will die Bäuerin nicht. Da wäre das Leben schlechter. Mo Ga Zhang soll hier aufwachsen, in die Schule gehen und brav lernen. Er wird es einmal besser haben, davon ist Yang Mei überzeugt.

"Es ist deine Zukunft"

Es einmal besser haben. Das sollte es auch Wu Yiajie (20). Sie ist Studentin (Germanistik) an der Tongjin-Universität in Schanghai. "Mehr Geld bedeutet ein besseres Leben. Unsere Eltern haben uns so erzogen" , sagt die junge Frau, die sich für ihre Violine, Kung Fu und italienische Filme interessiert. Deswegen durchliefen Studenten einen gnadenlosen Auswahlprozess, würden durch einen Massenuniversitäts-Drill geschleust und landeten in einem Wirtschaftssystem, das ihnen zunehmend Angst vor der Zukunft einflöße. Dabei, sagt die Studentin, würden sich viele der Enkel Maos Freiraum und weniger "Harmonie" wünschen: "Ich sitze lieber bei einer Tasse Tee zu Hause und höre klassische Musik statt Geld zu scheffeln."

Ihre Eltern meinten heute dazu: "Es ist deine Zukunft, Kind." (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2009)