Jacques Delors gibt keine Interviews mehr. Schade. Es wäre interessant zu erfahren, was der Vordenker und Vater von Binnenmarkt und Europäischer Union zum Zustand der Sozialdemokraten sagen würde. Gerade weil er ein überzeugter französischer Sozialist und Europäer ist.

Wohin man schaut, geht es der Linken schlecht. Nicht nur in Oberösterreich! Natürlich werden Wahlergebnisse in erster Linie von der nationalen oder regionalen Ebene geprägt. Aber es zieht sich doch seit Jahren ein Phänomen quer durch den Kontinent wie ein roter Faden: Der Absturz der S-Parteien geht einher mit ihrem Rückzug ins Heimelige, mit Passivität gegenüber den europäischen Entwicklungen, die Regionen und Länder, Leben und Arbeitswelt der Menschen stark umformen. Kein Zufall: In dieser Zeit wurde die Währungsunion eingeführt, der Binnenmarkt vollendet, die Union auf 27 Staaten erweitert.

Vorbei also die Zeiten, als die Sozialisten Lionel Jospin, Tony Blair und Gerhard Schröder die EU prägten. Die Konservativen, so scheint es, kriegen das besser hin. Die Sozialdemokraten fransen aus, Richtung Grüne (in Frankreich), nach ganz links (Deutschland) oder ganz rechts (Österreich).

In Frankreich sind die Sozialisten in mehrere Lager gespalten, seit sie 2005 vom proeuropäischen Grundkonsens abrückten. In Italien treiben sie richtungslos dahin. Bei den EU-Wahlen im Juni gab es ein rotes Desaster, die Fraktion in Straßburg ist ein Schatten ihrer selbst. In Deutschland setzte es jüngst zweistellige Verluste, mit einem SP-Außenminister Walter Steinmeier als Spitzenkandidaten, der nicht deutlich machen konnte, wo Deutschland heute in Europa steht, anders als sein grüner Vorgänger Joschka Fischer.

Auch in Großbritannien. Da steht Premierminister Gordon Brown ausgelaugt mit dem Rücken zur Wand - "Labour labt sich an Vergangenem" , schreibt die Neue Zürcher. Spätfolge von Tony Blairs Hinwendung zu George Bush, die mit einer Abwendung von der Union einherging.

Und demnächst? Wenn Europas Sozialdemokraten nicht aufpassen, werden sie in der neuen EU-Kommission nicht einmal ein halbes Dutzend Kommissare stellen - von insgesamt 27. Ein stärkerer Ausdruck der personellen wie inhaltlichen Schwäche ist kaum möglich. Wo ist der Ausweg?

Durch Rückkehr und aktive Einmischung in das neue Europa mit einer Arbeitswelt, die sich für die junge Generation längst nicht mehr in traditionelle Beschäftigungsverhältnisse und alte Industriestrukturen pressen lässt. Ein Irrweg wäre simple Polemik gegen die böse neoliberale EU (da ist Attac schon weiter) oder - noch ärger - das Eintreten für eine "andere Ausländerpolitik" , wie das die österreichischen Genossen nun ventilieren. Sie meinen damit einen mit Fremdenfeindlichkeit gewürzten roten Nationalismus.

"Unsere" Arbeiter gegen "die anderen". Für derlei hätte Delors nur Verachtung übrig. Was der europäische Vertrag will, hat er 1999 so festgehalten: "Wettbewerb, der stimuliert, Kooperation, die stärkt, und Solidarität, die vereint." Die SPÖ darf sich fragen, ob sie wenigstens eine dieser Maximen frohen Herzens verkünden könnte. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2009)