Herta Müller  im Frühjahr 2004 in Weimar

Stockholm- Der Literatur-Nobelpreis 2009 geht an die 56-jährige deutsch-rumänische Autorin Herta Müller, "die mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet" ("who, with the concentration of poetry and the frankness of prose, depicts the landscape of the dispossessed") - das gab die Schwedische Akademie heute, Donnerstag, 13.00 Uhr, in Stockholm bekannt.

Peter Englund, Chef der schwedischen Nobelpreis-Akademie, bei der Vergabe des Preises: "Bei unserem Anruf war Herta Müller überglücklich. Sie ist ein Flüchtling aus ihrem eigenen Land. Das Vergangene ist für sie immer lebendig. Als ich ihre Bücher gelesen habe, hat mich das innerlich erschüttert. Sie schreibt völlig ehrlich, mit einer unglaublichen Intensität. Sie schreibt auch als jemand aus einer Minderheit, völlig ohne Rücksicht auf sich selbst. Sie hat wirklich eine Geschichte zu erzählen. Und sie hat die sprachlichen Möglichkeiten dazu."   Müller habe "völlig überwältigt und sprachlos" reagiert, berichtete  Englund: "Bei unserem Anruf hat ihr Mann zuhause abgenommen, er gab dann weiter. Herta Müller war völlig überwältigt und lachte eine herrliches Lachen. Ihr fehlten ganz einfach die Worte. Aber sie versprach, dass sie bei der Verleihung in Stockholm am 10. Dezember die Sprache wiedergefunden hat."

2001 tauchte die im rumänischen Banat geborene und heute in Berlin lebende Schriftstellerin das erste Mal in den Nobelpreis-Spekulationen auf. Seither ist nicht nur ihr Werk und die Liste der an sie verliehenen Auszeichnungen, sondern auch ihr Ruhm beständig gewachsen. Längst sind ihre österreichischen Würdigungen - 1997 der Literaturpreis der "Franz-Nabl-Preis" der Stadt Graz, 1999 der in Klosterneuburg verliehene Franz-Kafka-Preis - von prestigereicheren Auszeichnungen überflügelt.  Müller war in den vergangenen Tagen in den Buchmacher-Rankings immer höher hinaufgerückt und war bei Ladbrokes zuletzt gemeinsam mit dem Israeli Amos Oz als Top-Favoritin gehandelt worden. Ähnlich auffällige Quoten-Bewegungen zugunsten der späteren Sieger waren schon in den beiden vergangenen Jahren registriert worden.

In ihren Büchern zeichnet sie die Gewalt- und Unterdrückungs-Mechanismen totalitärer Systeme nach. Müllers neuer Roman "Atemschaukel" über die Deportation deutschstämmiger Rumänen nach dem Zweiten Weltkrieg in die damalige Sowjetunion wurde von der Kritik fast einhellig positiv aufgenommen. Er gehört auch zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis, der am kommenden Montag (12.10.) vergeben wird. Müller ist die zwölfte Frau, die mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wird.

Lakonik und Lyrik

Als Sprachartistin und Erinnerungskünstlerin wurde die am 17. August 1953 in Nitzkydorf geborene Herta Müller in den zahllosen Laudationes der vergangenen Jahre immer wieder gewürdigt. Als Rumänien-Deutsche musste sie die Gewalt- und Unterdrückungs-Mechanismen der Ceausescu-Diktatur am eigenen Leib erfahren und schrieb seither in ihren Büchern mal lakonisch-knapp, mal lyrisch-surreal an einer Chronik von Leid, Ausgrenzung und Bedrohung des Menschen durch totalitäre Systeme.

Herta Müller studierte Germanistik und rumänische Literatur an der Universität Temeswar in Rumänien. Sie arbeitete als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Als sie sich weigerte, für den rumänischen Geheimdienst Securitate tätig zu werden, wurde sie entlassen und arbeitete als Deutschlehrerin. Ihr erstes Buch "Niederungen" wurde zensuriert veröffentlicht. Nach einer Folge von Repressionen, Verhören und Hausdurchsuchungen konnte sie 1987 nach Berlin übersiedeln.

Müller beschäftigte sich nicht nur mit der Diktatur, sondern auch mit den nationalen Minderheiten in Osteuropa. Bekannt wurden vor allem ihre Bücher "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992) und "Herztier" (1994), aber auch "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" (1999), "Der König verneigt sich und tötet" (2003) und "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005).

Ihr Roman "Atemschaukel" (Hanser Verlag) hat zwei Hauptfiguren: Den am Anfang 17-jährigen Ich-Erzähler Leo, der von fünf Höllenjahren in einem sowjetischen Arbeitslager berichtet, und den "Hungerengel", Leos allgegenwärtigen Begleiter. In das eindringliche Buch sind Erfahrungen von Herta Müllers Mutter, die 1945 wie Zehntausende andere als Siebenbürger Sachsen zu Zwangsarbeit in die Ukraine verschleppt worden war, ebenso eingeflossen wie jene des Schriftstellers Oskar Pastior, der mit Müller bis zu seinem Tod 2006 an dem Buch gearbeitet hat.

Der mit zehn Millionen Kronen (ca. 965.000 Euro) dotierte Literatur-Nobelpreis ging im Vorjahr an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio. Die Auszeichnungen werden am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. (APA)