"Ene Mille, det is jede Menge Schotter!" , meint Kathrin Röggla ganz berlinerisch zum Nobelpreis. Und denkt an etwas ganz anderes: wie die mediale Vermarktung den Blick auf Katastrophen verstellt.

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Vor der Premiere am Schauspielhaus Wien (15. 10.) antwortete sie auf die E-Mail-Fragen von Margarete Affenzeller.

Standard: Sie haben über Flugangstseminare geschrieben, den Leistungsdruck in der New Economy, über Natascha Kampusch. Nun hat Ihr Stück "worst case" in Österreich Premiere. Die "Süddeutsche Zeitung" hat Sie als "Katastrophendramatikerin" bezeichnet. Okay?

Röggla: Da möchte man natürlich sofort einen Meter zurückspringen, als Label finde ich es schrecklich, aber was natürlich stimmt, ist, dass ich mich seit Jahren mit dem immer stärkeren Ineinander von Ausnahmezustand und Alltag beschäftige, mit der politischen Instrumentalisierung von Angst und der inflationär gewordenen Katastrophendramaturgie in Medien und Politik.

Standard: Alltag und Katastrophe werden in "worst case" durch mediale Vermarktung ununterscheidbar. Heißt das, die Medien verringern Wahrnehmbarkeit?

Röggla: Beim Tsunami 2004 standen Leute am Strand und filmten das Geschehen, anstatt sich in Sicherheit zu bringen. Die Instinkte haben versagt. Eine falsche Konditionierung, könnte man meinen, mit Sicherheit verursacht durch die Medien. Umgekehrt werden viele soziale und ökologische Katastrophen nicht wahrgenommen, weil sie nicht in das mediale Aufmerksamkeitsmuster passen. Die kausalen Zusammenhänge, die zu diesen Katastrophen führen, sind in einer globalisierten Welt oft nicht mehr sichtbar. Wir leben sozusagen in einem zu großen Katastrophen-Bild und bringen unser Handeln nicht mehr in Bezug zu den Ereignissen. Das ist natürlich politisch äußerst heikel.

Standard: In "worst case" ist die Seherin Kassandra bereits heiser, sie muss pausieren, durchatmen. Ist das die Ironie ihres Alarmismus?

Röggla: "Alarmismus" wird ihr ja unterstellt, wie er auch zahlreichen Wissenschaftlern unterstellt wurde, die den Klimawandel seit Jahren thematisieren. Der Witz daran ist, Kassandra sagt die Wahrheit, aber niemand glaubt ihr, man nennt es "Alarmismus" , um ihre Diagnose abzuwerten. Ich warte die längste Zeit auf eine wirkliche ökologische Wende, aber sie scheint noch nicht zu kommen. Wir erleben eine erschreckende Aussicht als alarmistisch ja nur, um sie loszuwerden. Das liegt auch daran, dass politisches Handeln für viele nicht mehr als aussichtsreich gilt.

Standard: Zuordnungen bleiben bei Ihnen gelockert, zum Beispiel tragen Figuren keine Namen, sondern nur allgemeine Bezeichnungen wie "die piepsstimme" . Das ist im zeitgenössischen Theater nicht mehr selten. Warum verschwindet das Konkrete aus dramatischen Texten?

Röggla: Ich bin überaus konkret. Nur bin ich eben mehr an sprachlichen und politischen Zuständen interessiert und weniger an psychologischen. Doch da fühle ich mich, ehrlich gesagt, eher ziemlich alleine, auch was die indirekte Erzählform betrifft. Wir leben längst nicht mehr zu hundert Prozent in der ersten Person Singular.

Standard: Sie haben einmal moniert, dass Sprache und Sprechen am Theater zu wenig Gewicht haben. Wer wäre da jetzt zuallererst gefordert?

Röggla: Zunächst einmal die Autoren, aber es braucht ja natürlich auch die Regisseure, die bereit sind, sich darauf einzulassen, damit umzugehen. Das Theater hat sich, soweit ich es beurteilen kann, etwas vom Text wegbewegt, weil es ihm den Umgang mit dem Medialen nicht mehr zutraut.

Standard: Von "worst case" gibt es eine Hörstückversion mit dem Titel "die alarmbereiten" . Sie probieren Ihre Stoffe des Öfteren in verschiedenen Formaten oder Gattungen aus. Lassen sich daraus Lehren ziehen, wie etwas wirkt?

Röggla: Ich würde eher umgekehrt sagen, mich interessieren Schreibformen, die sich zwischen alle Stühle stellen, und ich kann sie dann in unterschiedlichen Medien ausprobieren, was übrigens gar nicht so wenig Arbeit ist.

Standard: Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis 2009. Eine richtige Entscheidung?

Röggla: Da gab es die spontane Freude, dass eine Außenseiterin den Preis zugesprochen bekommen hat. Der ist ihr sehr zu gönnen. Wie der Berliner sagen würde: "Ene Mille, det is jede Menge Schotter!" Überrascht war ich allerdings, als ich las, dass sich in den Nobelpreiswettbüros, die es erstaunlicherweise gibt, schon am Tag zuvor Herta Müller abgezeichnet hatte. Ich hätte nie darauf getippt. Ob die Entscheidung richtig ist oder nicht, möchte ich erst gar nicht beurteilen, weil mir, die ich eher das Abseitige liebe, die Kategorie Nobelpreis in der Literatur merkwürdig vorkommt. Also jetzt zu sagen, der Pynchon ist nobelpreiswürdiger als die Müller – puh, nein, in diese Position möchte ich mich nicht hineinbegeben.

(DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.09.2009)