Der Frühling ist für viele TschetschenInnen mit bitteren Erinnerungen verbunden. Die 40-jährige Malika B. aus Grosny assoziiert die ersten Sonnenstrahlen mit dem Geruch von Leichen. Zum ersten Mal erlebte sie diesen Geruch vor zehn Jahren – im ersten Frühling seit dem Ausbruch des russisch-tschetschenischen Konflikts. Für Malika war der Geruch auch eine Art Zeichen für den Abschieds von jenen Menschen, die im Winter getötet und während der Bombardierungen nur mit einer dünnen Erdschicht eilig zugeschüttet wurden.

Der Frühling war in Tschetschenien eine Jahreszeit, in der das Trinkwasser eine drastisch steigende Infektionsgefahr mit sich brachte, da die Wasserreinigungsanlagen schon lange nicht mehr funktionierten. Die meisten tschetschenischen Mütter getrauten sich jedoch nicht, ihre Kinder impfen zu lassen. "So konnte man die Nationalität der Kinder verheimlichen und sie wenigstens für eine Weile vor der Vertreibung schützen. Insbesondere wenn die Kinder kein so genanntes 'typisch kaukasisches' Aussehen hatten", erklärt Malika.

Malika selbst hat sich immer ihrer Nationalität, Sprache und Kultur geschämt. Obwohl die Sowjetunion die Politik einer allgemeinen Gleichberechtigung offiziell propagierte, waren ihre Chancen – z.B. am Arbeitsmarkt, nicht so gut wie jene der russischen Bevölkerung. Malikas Ehemann hatte dazu dieselbe Meinung, weshalb er für die Unabhängigkeit Tschetscheniens kämpfte als der erste russisch-tschetschenische Krieg ausbrach. Malikas älterer Sohn war damals zwei Jahre alt, sie selbst war mit ihrem zweiten Kind schwanger.

Bei der ersten Bombardierung der Stadt wurde ihr Haus zerstört. Malikas Mutter starb unter den Trümmern. Malika und ihre Nachbarn suchten daraufhin Zuflucht in Dagestan. Die Flüchtlingslager waren zu jener Zeit überfüllt, weshalb sie in einem verlassenen Gebäude wohnen mussten. Bald danach ging ihnen auch das letzte Geld aus. Es blieb Malika nichts anderes übrig, als mit ihren Söhnen in das zerbombte Grosny zurückzukehren.

Fast zwei Jahre – bis zum Ende des ersten russisch-tschetschenischen Krieges im Jahr 1999 – lebte Malika in einem Keller in ständiger Angst um ihre Kinder. In dieser Zeit lernte sie genau darauf zu achten, ob sich ihre Kinder beim Spielen den mit Minen gesäten Feldern nähern; oder lernte im Schlaf die Lautstärke der Motoren zu unterscheiden, um festzustellen ob die Flugzeuge in gefährlicher oder ungefährlicher Entfernung fliegen. Sie lernte auch, sich von großen Menschenansammlungen fern zu halten, die oft Ziel von Luftangriffen oder Bombenanschlägen waren.

Der so genannte Friedensvertrag zwischen Russland und Tschetschenien hat die gewünschte Stabilität nicht gebracht. Die Militäroperationen der russischen Truppen wurden durch Anti-Terror-Aktionen ersetzt, denen die Bevölkerung den Namen "Säuberungen" gab. Malikas Mann verschwand bei einer solchen Säuberung spurlos. Malika rechnet nicht mehr damit, ihn je lebendig wieder zu sehen. Aus Angst vor Verfolgung flüchtete sie nach Russland geflüchtet und versuchte, dort ein neues Leben zu beginnen. Sie musste aber bald zurückkehren, weil sie weder eine Wohnung mieten, noch ihre Kinder in eine Schule einschreiben konnte. Sie wurden in Russland rechtlos, weil in ihrem Pass "Tschetschenin" als Nationalität geschrieben steht. Für Malika war damit klar: weder in Tschetschenien noch in Russland würden sie und ihre Familie ein neues Leben aufbauen können.

Auch Chawa W. sieht für ihre Kinder keine Zukunft in Tschetschenien. Eine traurige Tatsache für die 46-jährige und ihre männlichen Familienangehörigen, die an keinem der beiden Tschetschenien-Kriege teilgenommen haben. Denn sie hielten den russisch-tschetschenischen Konflikt immer für einen wirtschaftlich motivierten Krieg einzelner Interessensgruppen. Ihre Familie überstand Leid und Not der Kriegsjahre. Als Chawas Heimatstadt Grosny 1994 zum ersten Mal bombardiert wurde, verwandelte sich ihr Leben in ein ständiges Hin und Her zwischen dem Nachbarland Inguschetien, wo Chawa W. mit ihren drei Kindern in einem Flüchtlingslager lebte, und Tschetschenien, wo ihr Ehemann Ruslan*, ihre Eltern und das Haus blieben. Flüchtlingspakete und konserviertes Gemüse und Obst aus eigenem Garten ermöglichten das Überleben der Familie. Als der Friede ausgerufen wurde, verdiente Ruslan W. als Bauarbeiter das Geld zum Leben. So hatte er in einer Zeit von einer unheimlich hohen Arbeitslosigkeit in Tschetschenien ein verhältnismäßig sicheres Einkommen.

Chawas Familiendrama begann im Jahr 2000 – in der offiziell ausgerufenen Friedenszeit. Anlässlich der 55-Jahr-Feiern des Sieges über den Faschismus ehrte damals Russland die Veteranen des Zweiten Weltkriegs, darunter auch Chawas Vater. Der 81-jährige Veteran wurde zu einer Reise an das Schwarze Meer eingeladen. Kurz nach seiner Rückkehr erschienen nachts russische Soldaten im Haus des alten Veteranen und erschossen ihn vor den Augen seiner Familie. Am nächsten Morgen gingen Frau Chawa W. und ihr Bruder in die russische Kommandantur, um als Augenzeugen Gerechtigkeit zu suchen. Statt dessen wurden beide verhaftet.

Während Frau W. nach einigen Tagen frei gelassen wurde, kehrte ihr Bruder aus der Kommandantur jedoch nicht mehr zurück. Seine von Folterspuren gezeichnete Leiche wurde auf der Straße gefunden. Dasselbe Schicksal ereilte auch Chawas Ehemann Ruslan, der kurz danach bei einer Säuberung verhaftet wurde.

Als Chawas Mann verhaftet wurde, hatte die dreifache Mutter Angst, auch ihre Kinder zu verlieren. Daher beschloss sie, die Heimat zu verlassen. "Meine zwei Söhne waren Schüler, als der erste Krieg ausbrach," sagt Frau W. "Jetzt sind sie Erwachsene und stehen damit vor der Wahl: entweder die russische oder die tschetschenische Seite zu unterstützen". Das Leben in der Sowjetunion in den Erinnerungen Familie W. als die "gute alte Zeit". Damals hätte Ordnung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny geherrscht und die Menschen lebten mit Dutzenden von Nationen friedlich zusammen. Jetzt will Frau W. für sich und ihre Kinder ein neues Leben weit weg von der Heimat versuchen.