Deshalb fällt es mir schwer, in den Chor der Entrüstung über die ÖBB-Manager einzustimmen. Es ist klar, sie haben sich falsch verhalten, in dem sie nach Diagnosen gefragt und diese dann auch aufgezeichnet haben. Sie haben offenbar gegen Regeln und Gesetze verstoßen.

Aber gleichzeitig zeigt die Affäre die Hilflosigkeit von Arbeitgebern gegenüber Arbeitnehmern, die häufiger als der Durchschnitt in den Krankenstand gehen, damit dem Unternehmen hohe Kosten und ihren gesunden Kollegen Mehrarbeit aufbürden. Dass in einem Betrieb mit durchschnittlich 27 Krankenstandstagen im Jahr wie den ÖBB irgendetwas nicht stimmt, ist offensichtlich. Doch es gibt kaum legale Möglichkeiten, dies nachzuprüfen und den mutmaßlichen Missbrauch, also das Krankfeiern, zu stoppen.

Eine Krankenbestätigung eines Arztes sagt leider wenig darüber aus, ob dies wirklich berechtigt und notwendig ist. Viele Ärzte schreiben jeden krank, der es will, manchmal macht es sogar die Ordinationshilfe.

Der Arbeitgeber darf nicht nachforschen, nicht nachfragen, kann höchstens gleich am ersten Tag eine Bestätigung verlangen – mit dem Risiko, dass der Arbeitnehmer sich erst recht dann für längere Zeit krankschreiben lässt statt am dritten Tag wieder in die Arbeit zu gehen.

Der Chef kann bei starkem Verdacht die Krankenkasse zum Kontrollbesuch auffordern, aber man muss als Krankenständler schon besonders blöd sein, um sich erwischen zu lassen. Die Kassenärzte verfolgen solche Fälle eher halbherzig. Wozu auch: Schließlich zahlt wochenlang der Betrieb die Kosten.

Krankenstände steigen dort, wo das Betriebsklima schlecht ist. Das lässt sich ändern. Aber auch notwendige Reformen und Restrukturierungen werden manchmal von unzufriedenen Mitarbeitern mit Krankfeiern bestraft.

Das einzige probate Mittel gegen den Krankenstandsmissbrauch ist die Angst um den Arbeitsplatz. Deshalb sinken die Krankenstände, sobald die Arbeitslosenrate steigt. Gewerkschafter erklären sich das immer damit, dass verschreckte Arbeitnehmer sich krank in den Betrieb schleppen. Aber die Realität schaut wahrscheinlich anders aus: Krankenstand wird nicht mehr so leichtfertig in Anspruch genommen.

In der ÖBB aber haben die Arbeitnehmer dank Kündigungsschutz keine Angst um ihren Job. Die Führung musste daher zu anderen Mitteln greifen. Dass diese illegal waren, liegt auch am österreichischen Arbeitsrecht.