Abgehakt: Zwischenbilanz in Finchers "Se7en"

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Hochmut, Habgier, Genusssucht, Rachsucht, Völlerei, Missgunst, Müßiggang - in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dienten sie als Stoff für augenzwinkernde Ensemblefilm-Gesellschaftssatiren (1952, 1962, 1992), durch David Finchers "Se7en" 1995 erfuhren sie eine spekulative Verwertung. Insgesamt ist es heutzutage schwer nachvollziehbar, dass diese etwas angestaubt und moralisierend klingenden "Todsünden" der katholischen Tradition mehr als eine Liste von Verboten darstellten, deren fallweise Missachtung als Teil der menschlichen Natur eingestuft wird.

Allerdings, für die Menschen der Frühen Neuzeit - üblicherweise als die "vormoderne" Epoche des 16. bis 18. Jahrhunderts definiert -, sah dies (zumindest theoretisch) anders aus. In einer Zeit, in der Religion die Grundlage von Identität und Autorität (auch weltlicher) bildete und in der Religion aufgrund der hohen Analphabetenrate über verschiedene Kanäle - wie Bilder, Musik oder Theater - griffig vermittelt werden musste, bildete die Vorstellung von Todsünden die normative Grundlage christlicher Lebensführung, die den Alltag jedes einzelnen nachhaltig bestimmen konnte. Wie dies in der frühneuzeitlichen Praxis bezüglich der "Sieben Todsünden" im Einzelfall aussah und sich von der Gegenwart unterschied - oder aber in ihr, nach einem Jahrzehnt bisweilen stark konfessionalisierter Kulturdebatten, fortsetzt -, war Thema einer gleichnamigen interdisziplinären wissenschaftlichen Tagung Mitte Oktober, von der am Donnerstag ab 19 Uhr in der Ö1-Sendung "Dimensionen" berichtet wird.

Installierte Kontrolle

Zur Tagungseröffnung führte Helmut Puff (Univ. Michigan) aus, wie der Mensch der Frühen Neuzeit Wollust, die "schönste und schwierigste aller Sünden," erst richitggehend "lernen" musste: Im Mittelalter ziemlich unscharf formuliert nicht gleichzusetzen mit Sexualität, wurde dem vormodernen Verständnis die Sündhaftigkeit der Wollust über Katechismusliteratur, Fresken, Reliefs oder Drucke erst beigebracht. Der Streifzug durch die Quellen und Diskurse des 16. bis 18. Jahrhunderts endete mit den Tabubrüchen des Marquis de Sade mitten in der Aufklärung und leitete eine lebhafte Publikumsdiskussion ein: Gefragt wurde, ob und inwieweit die in der Frühen Neuzeit installierten Praktiken kirchlicher und obrigkeitlicher Kontrolle griffen, ob und inwieweit sie in der Gegenwart weiter wirkten, überwunden oder rekonstituiert wären, und inwieweit sich der im Begriff "Wollust" angelegte Exzess einer sprachlichen und bildlichen Darstellung entziehe.

Deutlich wurde dabei, dass gewachsene Vereinfachungen und Missverständnisse kursieren - somit: dass eine historische Dimension, die vor der modernen Welt des späten 18. und 19. Jahrhunderts einsetzt, für das Verständnis notwendig ist, ein solches Verständnis jedoch nur durch interdisziplinäre Zugänge, die Text, Bild, Musik und andere Quellen in Betracht ziehen, erreicht werden kann.

Quellen und Fallstudien

Detailstudien führten etwa zu Bildquellen: Erwin Pokorny (Albertina) erläuterte den "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch als satirische Umsetzung eines unkonventionellen künstlerischen Auftrags, während Brigitte Rath (Univ. Wien) den populären allegorischen Darstellungen reitender Todsünden nachging und die Gender-Dimension dieser Bildquellen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellte. In beiden Fällen wurde deutlich, wie wesentlich bildliche Darstellungen für ein Verständnis von frühneuzeitlichen Normen und Wertsystemen sind, aber auch, wie vorsichtig man diese in ihrem jeweiligen Zusammenhang (Hof, Kirche, populäre Rezeption) verorten muss.

Mehrere Fallstudien zeigten, wie unterschiedlich die unter dem Mantel der Todsünden zusammen gefassten moralischen Vorstellungen in konkreten Situationen verstanden und umgesetzt wurdeen: Susanne Winter (Univ. Salzburg) ging der unterhaltsamen Transformation der Todsünden in den italienischen Komödien des Cinquecento nach, und Thomas Lau (Univ. Freiburg) untersuchte Zürichs Sodomitenverfolgungen am Ende des 17. Jahrhunderts unter dem Aspekt der Säkularisierung von Vorstellungen der Sünde. Marco Neumeier (Univ.Heidelberg) zeigte auf, wie das Muster der Todsünden die Dämonisierung von Magie und Hexerei begleitete, und Christopher Laferl (Univ. Salzburg) illustrierte anhand eines für die von Spanien kolonisierte indigene Bevölkerung verfassten Traktats der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wie Glaubensdiskurse über die Todsünden für die damalige "Europäisierung" der Welt eingesetzt wurden. Gerhard Ammerer (Universität Salzburg) befasste sich in seiner Fallstudie mit einer Hochstaplerin des späten 18. Jahrhunderts, deren Fall tiefe Einblicke in die mit Sündhaftigkeit in Zusammenhang stehende Gerichtspraktiken lieferte. Sibylle Apphun-Radtke (München) ordnete Darstellungen und Konzeptionen des zentralen Lasters der Hochmut, hinter dem der Auffassung der Zeit nach der Abfalls von Gott steckt, in die mittelalterliche, teils christliche, teils antike Tradition ein.

Wirtschaftskrise und "männliche" Sünden

Einem Laster in der Frühen Neuzeit, das bezeichnenderweise relativ weniger Bedeutung hatte, dem Neid, widmete sich Otto Ulbricht (Kiel) vor allem auf Grund schriftlicher Quellen. Simona Slanicka (Bielefeld) brachte die Todsünde der Habgier in Beziehung zur Frage der Ideale der Staatsführung, bei dem das schlechte, tyrannische Regiment statt am Gemeinwohl am Eigennutz und auf Korruption ausgerichtet ist. Sie wies auch auf die Renaissance dieser Begriffe in der aktuellen Krise hin. Schon in der Frühen Neuzeit war das Hochspielen der Korruption (als Folge der Habgier) immer dann der Fall, wenn man die Strukturen nicht in Frage stellen wollte und eine Diskussion darüber unerwünscht war.

Dem Genderaspekt bei der Frage der Todsünden widmete sich Waltraud Pulz (Jena/München), weil bei der Völlerei dem weiblichen Fasten oft das männliche Verhalten des unmäßigen Fressens und Saufens gegenüber gestellt wurde. Lukas Haselböck (Wien) spürte als Tagungsvertreter der Musikwissenschaft dem Zorn als starkem Affekt im Sinne der für die Musik wichtigen Affektlehre nach. Interessant ist dabei, dass im Regelfall bei Darstellungen alle Laster außer Völlerei und Zorn als Frauen personifiziert wurden.

Anekdotisches Finale

Den Ausklang der Tagung bildeten noch zwei Referate. Der erste Vortrag des Nachmittags von Albert Schirrmeister über den Müßiggang exemplifizierte das Thema an der Person des Charles Auguste de la Fare, der nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch mit diesem Laster eng verbunden war - als exemplarischer Lebemann des ausgehenden 17. Jahrhunderts.  Zum Finale gastierte der in Cambridge lehrende Philosoph Simon Blackburn, der die Grundzüge seines lesenswerten Standardwerks "Wollust - Die schöne Todsünde" (auf deutsch 2008 erschienen bei Wagenbach) pointensicher unter anderem mit Fussballmetaphorik würzte, indem er David Hume, einem "philosophischen Wayne Rooney", allemal gegenüber Kant, dem "Center Forward of German Philosphy", den Vorzug gab. (Markus Reisenleitner, York University Toronto / red)