Wem hilft das Märchen, die SPD sei an der Agenda 2010 und der Rente mit 67 gescheitert? Wahr ist vielmehr, dass sie an wankelmütiger Flip-Flop-Abkehr von haltloser Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik scheiterte: Man kann nicht jahrelang wie Gysi und Lafontaine reden und dann kaltschnäuzig wie Westerwelle handeln, ohne jede Glaubwürdigkeit zu verspielen. Der selbstverschuldete Niedergang der SPD verkörpert sich in Franz Münteferings Rentenwende.

Als ich im November 2004 bei der Otto Brenner Stiftung der IG Metall "Den Sozialstaat neu denken" ein höheres Pensionsalter bis 2035 befürwortete, bekräftigte der damalige SPD-Vorsitzende sein Nein, auch zu Rürups Plänen einer Rente mit 67: "Was soll das bringen, wenn die Menschen faktisch mit 59 Jahren aufhören?" Schon zuvor hatten Ministerpräsidenten wie Koch (Hessen, CDU) und Steinbrück (NRW, SPD) das Thema "für die nächsten zehn Jahre" zur "Illusion" erklärt.

Doch nur ein Jahr und je eine Wahlniederlage später, im Jänner 2006, hatten "Münte" als Vizekanzler, Arbeits- und Sozialminister und Finanzminister Steinbrück die Rente mit 67 energisch gegen die zaudernde Kanzlerin Merkel und zögerliche Minister wie Seehofer CSU schon bis 2029 und nicht "bis spätestens 2035" (Koalitionsabkommen) durchgesetzt.

So ehrenwert Müntes Einsicht und Umkehr, wer zu spät kapiert, den bestraft das Leben - und die Wählerschaft. Genau so verspielt man Vertrauen, das wichtigste Kapital der Politik. Seine Genossen verzockten auch noch die Chance der Umkehr: für Nachfolger (und Vorvorgänger) als SPD-Vorsitzender Platzeck war das "kein Herzensanliegen der SPD", so als ob die Sicherheit der Renten kein Kernziel mehr wäre. Unionsgranden von Kauder bis Seehofer gaben die besseren Herz-Jesu-Sozialisten und mahnten gegen Eile, die Linke mobilisierte hemmungslos populistisch Sozialkitsch gegen die "Rente mit 67" noch im Wahlkampf 2009, mit SPD-Dinos wie Engelen-Kefer (DGB).

Münte ist eine tragische Schlüsselfigur des historischen Verfalls der SPD: gradlinig bis stur, aber zu langsam im Begreifen, zu rasch und zu harsch in der Umkehr, zugleich zu spät und zu früh, stets mit "Machtworten" am Kairos, dem rechten Augenblick für Reformen vorbei. Seither sehen Wähler Wirtschafts- und Pensionskompetenz rechts und Schutz vor Sozialumbau links von rot-grün.

Münte selbst ging mit 67 als Vizekanzler aus allen Ämtern, um seine krebskranke Frau zu pflegen und beim Sterben zu begleiten. Nach ihrem Tod kehrte er mit 68 statt Kurt Beck als sein eigener Nachnachfolger auf das "schönste Amt neben Papst" zurück. Nun muss der ewige brave Parteisoldat vorzeitig in die Rente mit 69. Ob ihm seine neue Lebenspartnerin, mit 29 im Alter einer Enkelin, privat zu mehr Glück verhelfen kann als ihm politisch an der Spitze von Deutschlands ältester Partei beschieden war, ist offen.

Politische Lenker müssen sich, wie Feldherrn seit Prinz Eugen, durch "Fortune" auszeichnen. Hier trennen Müntes SPD Welten von Tony Blairs New Labour, die, intellektuell vergleichbar bescheiden, unbeirrt radikal auf sozial-liberale Modernisierung der Mitte setzte - sogar erfolgreich auf Rente mit 68.  (Bernd Marin, DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2009)