Ein Rehbock in den Weingärten des Heiligensteins

Foto: Bründlmayer

Ab Anfang Oktober hinterlassen Jahr für Jahr die in den Süden ziehenden Stare bei den Winzern eine Spur des Grauens, die Erntevernichtungsarbeit wird gründlich erledigt. Der Schrecken hat aber bald ein Ende, er ist räumlich und zeitlich begrenzt, die Vogelschwärme verweilen nur kurz bevor sie weiterziehen.

Ganzjährig erhalten bleiben uns die Rehe: Von Jahr zu Jahr in größerer Zahl behindern sie im Frühjahr den Wuchs der Reben durch Abknabbern der jungen saftigen Triebspitzen. Im Herbst ziehen sie in Rudeln durch die Weingärten, zielsicher und qualitätsbewusst auf der Suche nach den besten Trauben. Seit langem ist unter den Rehfamilien bekannt, dass Winzer Willi Bründlmayer keinen Jagdschein besitzt, dementsprechend hat man seine Weingärten als Lieblingsaufenthaltsort gewählt.

In diesen Weingärten lässt sich's leben, saftiger Grünbewuchs bedeckt die Erde, es wird spät geerntet, die Trauben sind süß und fein aromatisch und hängen (niedriger als sonst) rund 60 cm vom Boden in Rehaugenhöhe. Entspannt lassen die Rehe den jagscheinlosen Winzer an sich herankommen, ergreifen erst im letzten Moment beim Klick des Bründlmayer'schen Fotoapparats die Flucht, um gleich zwei Minuten später in der nächsten Terrasse die nächste Sorte zu verkosten. "Ist der Bründlmayer schon weg?" fragt der Rehbock. "Dann zurück zu den Veltlinern, die sind besonders fein, nicht so sauer wie die Rieslinge."

Mittlerweile sind die Trauben in der Tat reif geworden, was wir u.a. daran erkennen, dass die Kerne sich von grün bis bräunlich verfärben und zuletzt annähernd die Farbe von gerösteten Kaffeebohnen erreichen. In diesem Stadium sind die Gerbstoffe voll, weich und angenehm. Die Kerne dürfen gerne lange im Wein baden und tragen so zu einer besseren Haltbarkeit der Weine bei. Zuletzt werden die Kerne kalt gequetscht um einige Tropfen des wertvollen Traubenkernöls zu gewinnen.

Diese Woche geht die Ernte weiter mit unseren Klassikern Grüner Veltliner und Riesling Kamptaler Terrassen und vielleicht auch schon mit Grüner Veltliner Berg Vogelsang. (Willi Bründlmayer/derStandard.at, 27.10.2009)