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Für die Medien - wie hier vor einer geschlossenen Schule in Bukarest - ist die Schweinegrippe ein großes Thema. Nicht immer sind die Daten in den Schlagzeilen aber stichhaltig.

Foto: AP/Vadim Ghirda

Die in den Medien kursierenden Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, sagt der Pandemie-Koordinator.

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Wien - Einige Tage nach der Infektion spürt man nichts, doch dann kommt aus heiterem Himmel das Fieber. Die Krankheit ist lebensgefährlich: Im Vorjahr starben zehn Prozent der Erkrankten in Österreich, vor allem an Lungenversagen, bei Risikogruppen liegt die Sterberate noch höher. Die Rede ist allerdings nicht von der Schweinegrippe, sondern von der Legionärskrankheit. Auch andere Krankheitserreger sind laut den Statistiken des Gesundheitsministerium gefährlicher als der H1N1-Virus: Von rund 500 TBC-Kranken starben im Vorjahr 26.

So tragisch der Tod der elfjährigen Südtirolerin, die am Montag in der Innsbrucker Uni-Klinik starb auch ist - im Gesundheitsministerium warnt man weiter vor Panik. Und der Pandemie-Koordinator der Regierung, Jean-Paul Klein, ist auch sehr vorsichtig, was die Verlässlichkeit der kursierenden Zahlen angeht.

Glaubt man den Statistiken der WHO, sind weltweit 1,3 Prozent der H1N1-Infizierten gestorben. "Normalerweise ist aber die Sterblichkeitsstatistik erst nach einem Jahr kalkulierbar", merkt Klein an. "In Argentinien zeigten die Zahlen eine erhöhte Todesrate bei Schwangeren, allerdings ist dort die Müttersterblichkeit generell höhere Sterberate. In Südafrika wiederum stellte sich bei näherer Betrachtung heraus, dass fast alle Schweinegrippetoten HIV-positiv gewesen sind."

Relativ verlässliche Daten gibt es aus den USA: "Dort hat sich herausgestellt, dass von allen Patienten, die ins Spital kommen, sechs Prozent sterben. Allerdings müssen von allen Erkrankten überhaupt nur zwei Prozent stationär behandelt werden." Die Sterblichkeit liegt demnach also bei 0,12 Prozent. "Das ist derzeit in etwa im Bereich einer normalen, saisonalen, Grippe", sagt Klein.

Auch die medial verbreiteten Infektionsraten seien mit Vorsicht zu genießen. "Wenn davon gesprochen wird, dass im schlimmsten Fall 30 Prozent der Bevölkerung erkranken, bezieht sich das auf die gesamte Saison." Die sogenannte "peak attack rate, das ist der Prozentsatz der gleichzeitig fiebernd im Bett Liegenden, werde bei maximal 8,5 Prozent liegen, schätzt der Experte. Auf ein praktisches Beispiel umgelegt: Von den rund 8000 Polizisten Wiens würden rund 700 ausfallen.

Gänzlich verharmlosen will man die Sache im Gesundheitsministerium aber auch nicht. "Was diese neue Grippe von der saisonalen unterscheidet, ist, dass es bei jungen, zuvor gesunden, Menschen zu einem äußerst schweren Verlauf kommen kann." Weitere Todesfälle seien daher in Österreich sicher. Denn dass die Schweinegrippe zu uns kommt ist sicher. "Derzeit haben wir gehäufte Arztbesuche aufgrund Grippesymptomen. In Westösterreich ist dabei immer häufiger der H1N1-Virus nachweisbar, in Ostösterreich noch vermehrt die saisonale Grippeerreger."

Klein rät daher zum Impfen - aus Präventionsgründen. Denn auch nach einer Infektion ist die Schweinegrippe sehr gut behandelbar - mit antiviralen Medikamenten wie Tamiflu. "Unsere Lager sind nach wie vor gefüllt, die Hälfte der Bevölkerung könnte versorgt werden", sagt der Pandemie-Koordinator. "Allerdings gibt es derzeit noch genügend Tabletten im Handel, es besteht also kein Grund, die Lager zu öffnen." An andere Staaten verkaufen oder verschenken will man das Medikament derzeit aber nicht. "Wir senden 500.000 Schutzmasken in die Ukraine (siehe Artikel unten), beim Impfstoff und bei den Tamiflu-Vorräten wollen wir aber erst die Entwicklung bei uns abwarten."

Knapp 500 Erkrankte

Die aktuelle Situation rund um die Schweinegrippe in Österreich vom Dienstag: Rund 500 Menschen sind erkrankt, die beiden auf Intensivstationen in Wien und Salzburg liegenden Patienten befanden sich in einem weitgehend stabilen Zustand. Jener 41-jährige Patient aus Bayern, der seit Mittwoch vergangener Woche wegen Schweinegrippe und bakterieller Lungenentzündung im Landeskrankenhaus Salzburg liegt, "ist immer noch im Tiefschlaf und wird beatmet", teilte die Pressesprecherin der Salzburger Landeskliniken, Mick Weinberger.

Weiterhin ernst war der Zustand jener schwangeren Patientin, die sich seit vergangenem Donnerstag isoliert auf der Intensivstation des Wiener Hanusch-Krankenhauses befindet. Die Situation sei jedoch seit Freitag stabilisiert, hieß es. In einer Berufsschule in Klagenfurt sind zwei Schüler an Schweinegrippe erkrankt. Acht weitere Jugendliche sind ebenfalls krank, ob sie mit dem H1N1-Virus infiziert sind ist unklar. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 04.11.2009)