Standard: 40 Prozent der Leute sind Ihrer Ansicht nach im falschen Job. Landet wirklich fast jeder Zweite zufällig an seinem Arbeitsplatz?

Hill: Ja, leider. Die Durchschlagskräftigen richten sich aber den Job und schlagen sich eine Schneise in die richtige Branche. Die Nachgiebigeren lassen sich wo hinbugsieren und verharren in dieser halbunglücklichen Situation. Das ist ein Desaster und die größte Verschwendung, die wir uns leisten.

Standard: Trifft das auch auf die Besetzung von Top-Managerjobs zu?

Hill: Ganz genau so. Suchprozesse sind intransparent, Führungspositionen nicht offen ausgeschrieben, die Auswahl ist oft subjektiv. Die teuerste Frage der Welt in jedem Betrieb, auf jeder Ebene ist: Kennst du wen? Und jeder kennt wen, eh klar. Ein absurdes Szenario.

Standard: Welcher Typ von Managern kommt nach oben?

Hill: In unserer jetzigen ökonomischen Welt sind das häufig durchschlagskräftige Egoisten. Egoistinnen weniger, weil es hauptsächlich Männer sind. Moral ist nicht großgeschrieben. Das wirkt sich nachteilig auf die jeweilige Firma aus.

Standard: Wird die Krise etwas verändern? Welche Kompetenzen sind künftig gefragt?

Hill: Es braucht Menschen, die integrativer denken, die das gnadenlose Gesetz, mit geringstem Aufwand den größten Nutzen zu erzielen, umdeuten auf: mit geringstem Aufwand den größten Gemeinnutzen erzielen. Es braucht Leute mit ethischer Menschenorientierung. Weiblichere Formen des Managements sind eine gute Ergänzung.

Standard: Sie sehen also die Ära der Frau in der Wirtschaft gekommen.

Hill: Die harte Ware haben wir satt. Autos werden eh woanders produziert, es werden bei uns ganz andere Branchen nötig sein. Militanter Materialismus wird exportiert.

Standard: Was war eigentlich zuerst: die Gier oder das Geld?

Hill: Der ganze Kapitalismus ist ein Ausdruck von Existenzangst. Gier ist die Spitze der Angst. Die nicht besprochene Angst vorm Sterben, vor Vergänglichkeit und dem eigenen Verfall - das Nichtaussprechen der eigenen Limits macht paranoid und gierig. Es gilt sich so viel wie möglich aus dem Leben herauszuholen. Nimmt die Angst ab, sinkt auch die Gier. Dann kann ich auf einer Almhütte sitzen, Brot essen und zufriedener sein als mit fetten Boni. Angesichts dieses Gedankens hat man doch gleich mehr Freude am eigenen Einkommen.

Standard: Sie sprechen immer wieder vom Ende der Vollzeitjobs ...

Hill: Schauen Sie die sprunghaften Steigerungen der Selbstständigkeit an. Viel davon ist erzwungen, aber 60 Prozent sind auch nach fünf Jahren noch Unternehmer. Selbstständig zu sein hat in Österreich leider noch immer fast was Anrüchiges.

Standard: Nicht jeder kann und will Unternehmer werden.

Hill: Schauen Sie, wie viel versteckte Selbstständige es schon gibt, allein im Pfusch etwa. Manche Branchen werden sich ganz auflösen, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Man müsste Berufe schaffen, die sich nicht so leicht exportieren lassen, etwa im Tourismus und Gesundheitswesen, in der Bildung.

Standard: Vieles läuft aber auf ein Patchwork an unzähligen kleinen, schlecht bezahlten Jobs hinaus.

Hill: Das ist bedenklich. Unter dem Titel Flexibilisierung findet eine Entwurzelung statt. Die Menschen sind nicht für McJobs gebaut, halten das psychisch schlecht aus. Es wird soziale Fangnetze brauchen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.11.2009)