Ernst Theimer, Magistratsdirektor: vielleicht der mächtigste Mann in Wien.

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Wien - Wer in die Herzkammern der roten Rathaus-Macht gelangen will, fährt am besten mit dem Lift in den ersten Stock. Bürgermeister-Büro und Büro des Magistratsdirektors liegen dort gleich nebeneinander. In welchem der beiden Büros der Mächtigere sitzt, darüber scheiden sich von jeher die Geister. Michael Häupl darf von sich behaupten, Bürgermeister von 1,7 Millionen Wiener Bürgern zu sein. Dafür gebietet Magistrats- und Landesamtsdirektor Ernst Theimer über 64.635 Magistratsbedienstete, die auf 58.224 Dienstposten und 70 Abteilungen verteilt sind. 38,86 Prozent davon sind pragmatisiert. Sie verwalten gleichzeitig (und mitunter parallel) Stadt und Land Wien. Eine Doppelgleisigkeit, die außerhalb der Stadtgrenzen oft als "unnötig und teuer" gegeißelt, in Wien dagegen als "notwendig und sinnvoll" angesehen wird.

Von der standesamtlichen Hochzeit über die Geburt des Kindes im städtischen Spital bis zur Altenpflege: Theimer ist für die Organisation des ganzen Lebens der Wiener verantwortlich, er pflegt quasi den Organismus des roten Wien.

Kleinliche Kritik steckt er locker weg: zu viel Bürokratie und Doppelgleisigkeit? Ein zu großzügiges Dienst- und Besoldungsrecht samt exotischer Zulagen (siehe unten)? Theimer schüttelt den Kopf und lächelt.

Der Magistratsdirektor, 62 Jahre alt, Jurist, ein "alter Hase" im Wiener Rathaus, sieht keinen Reformbedarf: "Unsere Mitarbeiter heben alte Leute aus dem Bett, graben Parks um und retten Menschenleben." Und weiter, mit Stolz in der Stimme: "Zeigen Sie mir ähnliche Leistungen im Bundesdienst."

Das Selbstbewusstsein der Wiener Beamten ist politisch gut flankiert. Wiens SP-Vizebürgermeisterin Renate Brauner argumentiert wie Theimer. Während Schwarz-Blau im Bund soziale Kälte habe walten lassen, habe sich Wien "bewusst für den verlässlichen Weg entschieden" . Die Verwaltungsreform-Debatte hält sie für ein "Ablenkungsmanöver des Finanzministers von der längst fälligen Vermögensbesteuerung" . Und sogar der ehemalige VP-Planungsstadtrat Bernhard Görg attestiert Wiens Beamten, "im Großen und Ganzen hervorragende Arbeit" zu leisten.

So fällt es einem Magistratsdirektor natürlich leicht, von der "am besten verwalteten Stadt der Welt" , von Bürgernähe, Qualitätsmanagement und Preisen als "saubere" Behörde zu schwärmen. Günter Kenesei, erst grüner, jetzt schwarzer Gemeinderat, sieht das anders: "Ich kann das mit der guten Verwaltung nicht mehr hören" , sagt er, "wo es früher einen Häuptling gab, gibt es jetzt drei - und die Dinge funktionieren teilweise schlechter."

Ein Beispiel: Wiener Wohnen, 641 Mitarbeiter. Die Umwandlung vom Wohnungsamt in die dezentralisierte Behörde sollte eine moderne, service-orientierte Hausverwaltung schaffen. Das Gegenteil war der Fall: Die Beschwerden über verwilderte Innenhöfe und dreckige Stiegenhäuser häuften sich derart, dass die Politik eingriff - und noch mehr Personal, in Form von "Ordnungsberatern" , nachschob. Positives Gegenbeispiel ist die MA 62: Zu Pass und Meldezettel zu kommen ist heute in Wien unkomplizierter und schneller als zu jenen Zeiten, als sich noch die Bundespolizei darum kümmerte.

Theimer operiert gern mit Begriffen wie "modernes Management" , "Betriebswirtschaft" und "diversity management" . "Einsparung" gehört dagegen eher nicht zu seinem Wortschatz. Im Gegenteil: "Wir brauchen in Zukunft mehr Altenpfleger und Gesundheitspersonal" , prophezeit Theimer. Nicht nur: Eben hat der Magistratsdirektor die Einstellung von 323 Kindergärtnerinnen unterschrieben. Mit "gutem Gewissen" , wie er betont. (Petra Stuiber/DER STANDARD-Printausgabe, 6. November 2009)